Donnerstag, Mai 13, 2010

Zwei Gründe des Verstummens

[eine vor ca. einem Jahr getippte und bereits sonstwo veröffentlichte Notiz, die, damit die Sache nicht zum Stillstand kommt, nun auch hier veröffentlicht sei. – Vielleicht geht es diesem oder jenem, dieser oder jener ähnlich. So es sie gibt: Seid gegrüßt!]

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Eigentlich bin ich sehr langsam im Verstehen; aber was ich verstehe, verstehe ich verhältnismäßig gründlich. – Dank dieser Langsamkeit ließen sich auch verschiedene gefühlsmäßige Begleiterscheinungen bei der Entwicklung von erstem unbestimmtem Ahnen bis zum plastischen begrifflichen Erfassen von Zusammenhängen beobachten.

Im Bereich des „Studiums der Phänomenologie des geistig-seelischen Erstickens“ bzw. der „chemischen Analyse des Unbehagens“ sieht das, im Allgemeinen, wie folgt aus:

Die erste unbestimmte Ahnung, daß in irgendeinem Bereich irgendwas nicht stimmt, ist begleitet von dumpfem, unbestimmtem Schmerz (wieauch eben dieser dumpfe unbestimmte Schmerz den Anlaß abgibt, die Sache näher in Augenschein zu nehmen); und zum „Ausgangsschmerz“ ob der unbestimmten Unstimmigkeit kommt der zusätzliche Schmerz ob der Unbestimmtheit: darob: daß ich nicht verstehe, was los ist; daß ich weder mir selbst noch anderen klarmachen kann: was nicht stimmt und nur weiß: daß irgendwas nicht in Ordnung ist: der Schmerz also ob meines im Nichtverstehen begründeten Stummbleibenmüssens.

Wenn ich die Sache dann plastisch habe, wird auch der Schmerz plastischer; und der von der Unbestimmtheit herrührende Zusatzschmerz wird dann nicht selten beziehungsweise in der Regel ersetzt durch den Schmerz darob, daß ich sehen muß, wie von mir plastisch als Unsinn oder Absurdität erkanntes von meinen Zeitgenossen als normal und unbedingt richtig hingenommen wird; und auch daß: obwohl ich nun in der Lage bin, in begrifflich klarer Sprache darzustellen, was genau nicht stimmt, ich mich trotzdem nicht verständlich machen kann: weil nämlich kaum jemand versteht, was ich sage; daß das Stummbleiben infolge Nichtverstehens gewissermaßen abgelöst wird durch das Stummbleiben infolge Verstehens.

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Eben.

Kommentare:

erika42 hat gesagt…

Ganz Recht. Mein könnte meinen, dass, wenn man etwas dem Grunde nach verstanden hat, es ganz leicht sei, es auch anderen verständlich zu machen. Wer das probiert, stellt fest, dass dies ein Irrtum ist und die Sprache als Mittel zum Verständnis eher Verzweiflung gebiert statt Erleuchtung. Einer Sache, der man sich erst mühsam - und ohne sie zu verstehen - genähert hat, bei der man sich zunächst in einige Tiefen begeben hat, die man von vielen Seiten durchleuchtete: Wie soll man diesen Verstehens-Prozess je beschleunigen? Ein Mensch, der das gleiche Verständnis aufweist, wie man selbst, muss diese Erfahrung erst für sich allein gemacht haben. Beschleunigung ist darum nicht notwendig und die Langsamkeit das Werkzeug, das man benötigt.

Es stellt sich dennoch die Frage, ob es eine Abkürzung hin zum Verstehen gibt. Nein, wenn man sich auf intellektuellem Weg auf den Pfad des Verstehens begibt. Der Weg ist immer gleich lang. Die Quellen mögen andere sein.
Ja, wenn das Verstehen durch Körpererfahrung - evtl. im Zusammenspiel mit spiritueller Erfahrung - gemacht wird.
Habe ich mich vorher mühsam durch Worte und Schriften anderer durchgekaut, erreiche ich durch Schwitzen, Laufen, Atmen, Ruhe, Lärm, Euphorie, Tränen, Lachen mein Ziel häufig schneller.

Will ich mit jemandem das Gefühl teilen, wie es ist, im Abendlicht nach Trommeln zu tanzen, könnte ich drei Seiten darüber schreiben. Einfacher ist es, einen anderen mitzunehmen und es ihn selbst fühlen zu lassen.
Will ich jemandem meine Faszination zur Funktion einer Maschine vermitteln, kann ich ihm den Konstruktionsplan vorlegen. Einfacher ist es, sich vor die Maschine zu stellen und den Motor anzuschmeißen.

Raymond hat gesagt…

[deinen Kommentar entdeckte ich leider, mit vielmonatiger Verspätung, grad eben erst, und konnte ihn entsprechend grad eben erst freischalten; bitte um Entschuldigung]
Erkenntnis, die wirklich Erkenntnis ist und nicht bloß im Kopf angesiedeltes verbales Bekenntnis hat immer was "spirituelles" an sich und ist nur auf dem Weg individueller Erfahrung zu erreichen.
Mit Worten können wir niemandem den eigenen Erfahrungsweg ersparen; aber wir können unter Umständen helfen, dass er schneller und gründlicher vorankommt.

Wobei es aber ein grosser Unterschied ist, ob ich aus durchlebter, durchlittener Erfahrung heraus spreche, oder einfach bloss konstruierend ein "Ragout aus anderer Schmaus" braue. Letzteres führt höchstens zu Aufbau oder Umstrukturierung toter Gedankengebäude, aber kaum zu lebendiger Entwicklung.

Wo das Wort aus dem konkreten Leben, Erleben heraus geboren wird, kann es sowohl im mündlichen wie auch im schriftlichen Austausch fruchtbar werden. Bei manchen Leuten müssen wir uns mit schriftlicher - mitunter einseitiger - Kommunikation begnügen, da sie entweder schon tot sind oder keine Zeit haben, sich mit uns zu treffen (als Beispiele seien etwa genannt Friedrich Nietzsche, Alexander Solschenizyn, denen ich sehr viel verdanke, ohne sie jemals getroffen habe; und viele andere mehr)

Manchmal kann man auch nach einem kurzen oder auch mehrstündigen Gespräch bei einer Tasse Kaffe oder mehreren die Gewissheit haben: dass etwas gelaufen ist.

Problem bei uns Heutigen, und vor allem bei uns heutigen Europäern ist aber die bedauerliche Tatsache, dass wir weitgehend den Bezug zur Sprache verloren haben und wir uns mühsam wieder in die "reale Magie" des sprachlichen Ausdrucks wieder hineinarbeiten müssen.

Bei dir ist es - wie ich gemerkt habe - noch so, dass du in Sachen lebendiger sprachlicher Ausdruck starke, teilweise noch vor dir selbst mehr oder weniger verborgene Fähigkeiten hast und dazu nicht richtig durchkommst; und da, wie man so sagt, Adel verpflichtet, du deinen latenten "Adel" aber nicht recht erschließen kannst, verzweifelst du an der Sprache.

Warum soll man nicht bei Abendlicht nach Trommeln tanzen und sonstige Wege der Körpererfahrung suchen; aber die lebendige Sprache kann das nicht ersetzen (vielleicht aber - je nach Anlage - helfen, dazu durchzufinden)

Und weiter besteht dann noch immer das Problem: dass viele Zeitgenossen gar kein Gespür haben für lebendige Sprache. Als Sprechender wird man einsam (mit ein Grund, warum ich selbst mich immer mehr in Eulenspiegeleien flüchte)
Raymond

erika42 hat gesagt…

richtig. Ich vergesse, dass mich die Sprache der Bücher, die ich lese, immer wieder fasziniert. Etwas Erlebtes wird mir zu Teil. Es bewegt mich, lässt mich in eine momentane Emotion fallen. Bücher sind manchmal wie Freunde, die man verabschiedet, wenn der schöne Abend sich dem Ende neigt.

Vielleicht bin ich aber auch meiner eigenen Sprache und der Schrift überdrüssig, weil es meine ganz konkrete Lebenssituation betrifft. Das Schreiben hat mich nicht so fühlen lassen, wie ich es bequemerweise gerne hätte. Und oft gelange ich an einen Punkt, an dem ich mich schon mehrmals befand. Dann bin ich ein wenig überrascht, dass sich seit meinem Verlassen dieses Punktes gar nicht so viel verändert hat. Bloß benutzte ich andere Worte, der Sinn blieb und bleibt derselbe.

Es scheint, dass ich ein anderes Leben führen will, etwas Handfestes tun. Merkwürdig, dass selbst mein Kind nicht reicht, um mir selbst zufrieden sagen zu können, dass dies bereits der Sinn des Lebens ist und ich meinen Teil bereits erfüllt habe. Obwohl noch viele Aufgaben vor mir liegen. Ich schweife ab. Jetzt muss ich auch wieder los. Auto fahren. :-)

P.S. sprachliche Magie, das ist ein schönes Wort. Es fasziniert mich, wenn ein Mensch das Magische darin vermitteln kann. Was meine eigenen verborgenen Ausdrucksmöglichkeiten angeht, so bin ich einfach noch zu flatterhaft.

Raymond, ich wünsche dir eine gute Rückreise. Alles Liebe

Erika

Raymond hat gesagt…

Richtig: dazu bist du noch zu flatterhaft. Aber andererseits rettet diese deine Flatterhaftigkeit dich vor deiner noch größeren Gefahr des Verhärtens im programmatischen Machertum. Wenn du es schaffst, dich zwischen diesen beiden dich lähmenden Extremen hindurchzumanövrieren (bin sicher, dass du es schaffen kannst) wird noch was aus dir....
Prost
Raymond