Mittwoch, März 10, 2010

über seichten Unsinn

Nimmt man sich die Muße, in der russischen Boulevardpresse herumzulesen (Stichproben querfeldein etwa via „Fark“), so findet man dort ein Ausmaß an seichtem Unsinn, das es problemlos mit dem Ausmaß des nicht nur in der Boulevardpresse allgegenwärtigen deutschen seichten Unsinns aufnehmen kann.

Der Unterschied besteht nur darin, daß die deutschen in tierischem Ernste an ihrer Seichtheit kleben bleiben, während die Russen det alles lockerer nehmen und nix dagegen haben, sich auch mal in tieferen Gewässern umzusehen.

Eben...

Samstag, März 06, 2010

Leistung muß sich wieder lohnen

Aus deutschen Nachrichten erfuhr ich, daß da ein Kabarettist namens Lerchenberg bei einem Auftritt anläßlich einer vergnüglichen Veranstaltung den Rahmen des belanglosen Vergnüglichen sprengte und zur Sache kam; weswegen er in Zukunft bei selbigen vergnüglichen Veranstaltungen nicht mehr auftreten darf.

Einen gewissen Westerwelle hatte er dabei aufs Korn genommen mit dessen Äußerungen bezüglich sogenannten Hartz-IV-Empfängern, d.h. bezüglich einer in Deutschland ständig wachsenden Menschengruppe, die durch die Umstände zügig ins materielle Elend getrieben wird. Die Sichtweise jenes Herrn Westerwelle hatte er in verschiedenen Andeutungen mit der, natürlich längst überwundenen, Nazi-Ideologie in Verbindung gebracht. Eben weil man fand, daß die Nazi-Ideologie doch längst überwunden ist, daß man sie folglich auch nirgendwo entdecken kann und daß das Inverbindungbringen heutiger hochgeehrter Politiker mit selbiger Ideologie eine Beleidigung ist – darf er bei ebenselbigen vergnüglichen Veranstaltungen nicht mehr auftreten.

Mit der Nazi-Ideologie hat Lerchenberg natürlich Recht; nur Westerwelle tut er Unrecht. Recht hat er insofern, als die Nazi-Ideologie tatsächlich nicht untergegangen ist und in verwandelter Gestalt ungestört und immer stärker ihr Unwesen treibt; und zwar nicht nur in Deutschland. Diese menschenverachtende Ideologie ist nämlich, wie mir scheint, nicht an Nationen gebunden; nur daß bei der deutschen Gründlichkeit – welchselbige Gründlichkeit genausogut sich in menschenfreundlicheren Richtungen austoben könnte – selbiger Geist oder Ungeist sich auf eine sehr spezifische, sehr gründliche Art zu verkörpern pflegt. Daß beim Umgang der Herrenmenschen mit den ins Elend getriebenen Hartz-IV-Untermenschen genau der gleiche Ungeist im Spiel ist, der sich, in griffigerer Gestalt im Hitlertum austobte (doch auch für die damaligen Zeitgenossen war er, der Ungeist, damals nicht griffig genug; griffig wurde das erst, als alles vorbei war) – daran kann bei näherem Hinsehen kein Zweifel bestehen.

Und Westerwelle tut er insofern Unrecht, als Westerwelle nur klar auf den Punkt bringt, was sowieso schon in fast aller Köpfen ist. Für sich genommen scheint er harmlos.

Mit Arbeit und Leistung hat dieses hartz-IV-hafte ins Elend Abgedrängtwerden nichts zu tun. Mir scheint, daß fast jeder mehr oder weniger normale Mensch, wenn er nicht in Resignation oder Zynismus getrieben wird, das ganz natürliche Bedürfnis entwickeln kann, sich durch irgendwelche Arbeit, irgendwelche Leistung in seine soziale Umgebung einzubringen. Doch eben dies wird, besonders in der sogenannten zivilisierten Welt, durch bürokratische Schikane zunehmend erschwert. Was immer sich an Leistung und Arbeit außerhalb der ausgelatschten Pfade bewegt, wird durch wirtschaftliche und bürokratische Zwänge weitmöglichst abgewürgt; und innerhalb der ausgelatschten Pfade breitet sich immer mehr das aus, was man „Arbeitslosigkeit“ nennt. Der Einzelne, der von dieser Elendswelle erfaßt wird, hat da kaum noch eine Chance; ganz egal, wie begabt er ist und wie arbeitswillig, was für Ideen er hat, die er realisieren möchte, ganz egal, wie weit es ihm gelingt, trotz allem sich von Resignation und Zynismus freizuhalten: in der Regel ist er zum Darben und zur Untätigkeit verurteilt. (wenn ein Weiterspinnen des Vergleichs mit jener „Arbeit macht frei“ – Stätte gestattet ist: die dorthin abgeschobenen waren ja in ihrer Mehrheit durchaus arbeitswillig und nicht unbegabt, teilweise sogar hochbegabt; die meisten hatte man aus konkreten Arbeitszusammenhängen herausgerissen, wo sie sich nützlich machten; Ärzte waren darunter, Universitätsdozenten; und nun mußten sie unter der Aufsicht analphabetischer Aufseher das ausführen, was man an jener Stätte als „Arbeit“ definiert hatte. – Bei den von Lerchenberg angesprochenen Heutigen ist es allerdings häufig so, daß sie nicht einmal dazu kamen, ihre Begabungen zu entdecken und zu entwickeln. Letzteres übrigens ein noch näherer Untersuchung würdiges eigenes Kapitel unserer zeitgenössischen Kulturgeschichte)

Mir scheint, daß diese unerquickliche Entwicklung in der sogenannten zivilisierten Welt einem gewissen Höhepunkt zustrebt, wo das soziale Geschehen entweder in polizeistaatlichem Totalitarismus erstarrt oder sich in Chaos auflöst. Die Hinentwicklung auf diesen Höhepunkt bietet aber auch gewisse Chancen insofern, als zumindest diejenigen, die dabei ins soziale Untermenschentum hinweggespült werden, die Möglichkeit erhalten, aufzuwachen und sich von dem anerzogenen Idiotismus zumindest innerlich zu befreien.

Vielleicht ergeben sich dann aus den anlaufenden Erkenntnisprozesse sinnvolle Entwicklungen: so es nicht bereits zu spät ist.

So isses.

Raymond

Mittwoch, März 03, 2010

Veröffentlichung und Gemeinschaftsbildung

Die ganz natürliche Konsequenz unselbständigen Denkens ist Autoritätshörigkeit und Dogmatismus. Denn irgendwie muß man sich vom Zusammenhang der umgebenden Dinge ja ein Bild machen; und wenn das eigene Denken nicht stark genug ist oder wenn man seinen Möglichkeiten nicht traut, so muß man sich an das halten, was andere einem vorsagen. Mag dieses Bild auch bloß eine Fata Morgana sein –es vermittelt immerhin Sicherheit; und die Sicherheit des in seine Fata Morganas eingepanzerten Dogmatikers ist mitunter so beträchtlich, daß er jeden Denkenden damit plattwalzt und völlig verdattert hinter sich zurückläßt. Denn der Dogmatiker fühlt sich eingebettet in die machtvolle Gemeinschaft seiner Mitdogmatiker, während der Denkende mit seinem Denken ganz alleine ist.

Rein „Denkende“ gibt es sowieso kaum; wir leben alle in unseren Panzern aus Vorgedachtem; aber es gibt nun mal Menschen, die sich in diesen Panzern häuslich eingerichtet haben und gar nichts anderes mehr wollen, und nicht einmal ahnen, daß man noch etwas darüber hinaus wollen könnte; und es gibt solche, die daneben auch noch denken können und mitunter sogar klar unterscheiden, wo sie denken und wo sie nicht denken. Letztere wollen wir, der Einfachheit halber, abkürzend als „Denkende“ bezeichnen.

(Damit keine Mißverständnisse entstehen: dem Verfasser vorliegender Zeilen ist nicht unbekannt, daß man sich in Lautkombinationen wie „Denken“, „lebendiges Denken“, „seelische Beobachtung“ usw… genau gleich einlullen kann wie in andere Wörterlarven auch. Das ist nicht gemeint. Der Geist weht wo er will…)

Gemeinschaftsbildung aufgrund dogmatischer Vorgaben funktioniert sehr einfach und übersichtlich, und ihre Resultate sind äußerst stabil: wie ein unerschütterlicher Mechanismus aus unbiegsamen Metallteilen steht das vor den erbärmlichen zum Denken neigenden Einzelnen; und selbst wenn der Mechanismus nicht richtig funktionieren sollte, weil bei seiner Konstruktion irgendwas übersehen wurde, so spielt das weiter keine Rolle, da die ihn bildende Masse – auf die es letztendlich ankommt – das sowieso nicht merkt; für die Masse reicht es, daß sie Masse ist: „hart wie Kruppstahl“ sozusagen.

Gemeinschaftsbildung „aus dem Denken heraus“ funktioniert ganz anders, und ihre Funktionsweise ist bislang nur wenig bekannt (und das Wenige, was bislang erforscht wurde, wurde dann in der Folge so wüst zerredet, daß kein Schwein sich mehr zurechtfindet). Um den Unterschied zwischen Denken und Nichtdenken herauszuarbeiten müßte man sehr weit ausholen (wobei eine theoretische Bestimmung sowieso kaum möglich wäre; es könnte höchstens darum gehen, daß man versucht, den Einzelnen so weit zu sensibilisieren, daß er erst mal in den Facetten seiner eigenen Weltsicht auf den Unterschied aufmerksam wird; denn det iss schon eine sehr individuelle Angelegenheit, die sich nicht mit dem Hammer autoritativer Beweisführung bewerkstelligen läßt). Wer noch nicht ganz eingeschlafen ist dürfte den Unterschied zumindest ahnen.

Kommen wir nach diesem sehr langen Vorspann – aber kürzer ging es beim besten Willen nicht – zu unserem Thema: Veröffentlichung und Gemeinschaftsbildung. Gewissermaßen als Fortsetzung und eines der „Fazite“ meines letzten Blogeintrags.

In besagtem Eintrag findet man die Aussage:

Die Zielgruppe meiner Schreiberei beschränkt sich auf die Sphäre derjenigen, die etwas damit anfangen können; schriftstellerischen Ruhm im Sinne der heutigen Auffassung strebe ich nicht an, im Gegenteil würde ich ihn sogar als störend empfinden, da solcher Ruhm die Sphäre der ehrlich Interessierten aufsprengen würde in Richtung auf ein Publikum, das sich für nichts interessiert und nur mitreden möchte; wodurch alles verwässert würde.

Es geht hier ausdrücklich nicht um die Resultate meiner Schreiberei (die einen mögen sie, andere mögen sie nicht; doch das soll uns hier egal sein), sondern um die in diesen Zeilen umrissene Bewußtseinshaltung: Wer det so sieht – ob ich det bin oder jemand anders – der schreibt, was er schreiben möchte, veröffentlicht, was er veröffentlichen möchte; und als Leser hat er dabei nur diejenigen im Auge, die seinem Geschreibe, ganz egal aus welchen Gründen, ganz egal auf welcher Ebene ein ehrliches, elementares Interesse abgewinnen; während er oberflächliche, desinteressierte Leser eher als störend empfinden würde.

Auf solche Weise entstehen, auch wenn man sich gegenseitig nicht kennt, gewissermaßen geistig-seelische Gemeinschaften.

Im Prinzip war das von jeher die Haltung derjenigen Schreiber, denen es „ernst war, was zu sagen“; wegen des heutigen kulturellen Verfalls, wegen der Einmischung von Finanz und Politik in das Veröffentlichungsgeschehen und durch die dank dem Internet neuentstandenen Möglichkeiten bricht sich diese an sich normale Haltung bloß in metamorphierter Form ihre Bahn. Unter den spezifischen totalitären Bedingungen der inzwischen liquidierten Sowjetunion war das zum Beispiel das Samisdat; unter den sehr viel komplizierteren Bedingungen des Zusammenspiels relativer äußerer Freiheit und extremer innerer Unfreiheit – die Veröffentlichungen im Internet.

Nach den dogmatischen Vorgaben vor allem im deutschsprachigen Bereich darf man als richtigen, ernstzunehmenden Schriftsteller nur denjenigen bezeichnen, der Veröffentlichungen vorweisen kann in einem richtigen, offiziellen Verlag. Zeitgenossen, die auf autoritative Vorgaben angewiesen sind, wissen somit genau, woran sie sich zu halten haben. – Wenn man sich nun die Resultate dieses ernstzunehmenden Verlagslebens genauer anschaut, so hat man mitunter Schwierigkeiten, da irgendwas zu finden, mit dem man sich ehrlich verbinden könnte; und irgendwann hört man auf, diese Dinge überhaupt mitzuverfolgen. – Dies ist ja alles weiter nicht schlimm: Die dogmatisch orientierten haben ihre Spielwiese, wo sie „mitreden“ können, während die mehr an „Substanz“ orientierten Schreiber und Leser das Internet haben. Hier ist nun natürlich auch nicht alles Gold, was glänzt; ein wüstes Durcheinander ist das; aber immerhin: mit gezielter Suche und etwas Glück kann man auf „Substanz“ treffen. – Daß die an ihrem System festklebenden aktiven und passiven Akteure der Druckerschwärzewelt solchen außerhalb ihrer Konstrukte ablaufenden Veröffentlichungsbetrieb nicht anerkennen, ist nur konsequent, überhaupt nicht schlimm und hat im Gegenteil sogar gewisse positive Züge, da man so mehr unter sich bleibt, unbehelligt von bildungsphilisterhafter Literaturkritik und von Leuten, die bloß „mitreden“ wollen.

Lästig bei alledem ist bloß, daß manche Schreiber, die es vielleicht besser könnten, immer noch zu sehr nach diesem verhärteten künstlichen Konstrukt des offiziellen Kulturbetriebs schielen, an dem sie eigentlich gerne teilnehmen würden und nur nicht teilnehmen, weil man sie nicht läßt; und dadurch werden ihre Gedanken verwässert, ihre Entwicklung erschwert. Die Hauptgefahr liegt im unreflektierten persönlichen Ehrgeiz, der eine Affinität schafft zu diesen Morästen und selbige eben dadurch zu einer Gefahr werden läßt für die kulturelle Entwicklung; für sich genommen sind sie eher harmlos.

Wo der Ehrgeiz beiseitebleibt – egal, ob er sich im Schriftstellerseinwollen äußert oder im Mitredenwollen – wird nur geschrieben und gelesen, was man selbst als „Sache“ empfindet (müssen ja nicht alle das gleiche als „Sache“ empfinden) – und dadurch entstehen, aus einem gewissen gegenseitigen Verständnis heraus, sich überschneidende lockere oder stärkere „Gedankengemeinschaften“, „Erlebensgemeinsaften“.

Das ist nicht neu; im Grunde war das noch immer so.

Zum Beispiel: Der für mich wichtigste Autor unter den mehr oder weniger zeitgenössischen ist Solschenizyn. Zu den schon länger zurückliegenden Zeiten, als er als Politikum, als politische Sensation gehandhabt wurde und als alle über ihn redeten – verhielt ich mich ihm gegenüber mißtrauisch bis ablehnend (obwohl ich damals die Künstlichkeit des Kulturbetriebs noch nicht in dem Maße durchschaut hatte, wie das heute der Fall ist; und mir scheint, daß das damals auch noch nicht ganz so schlimm war). Aus verschiedenen Gründen ergab sich die Notwendigkeit, daß ich mich stärker in seine Sachen einlese; und da merkte ich: daß da Substanz ist, welche mit dem um seine Person veranstalteten Hokuspokus herzlichst wenig zu tun hat. Das Hokuspokus ebbte ab, die deutschen Übersetzungen seiner Werke wurden schließlich verramscht: er war aus der Mode gekommen. Und ich, der ich die in seinen Werken lebende Substanz entdeckt hatte, scherte mich nicht darum (auf die verramscht werdenden Übersetzungen war ich zum Glück nicht angewiesen). Auch in Rußland kam er, als man ihn ganz offen lesen durfte, in den neunziger Jahren aus der Mode; veröffentlicht wurde er, wenn überhaupt, in lächerlichen Winzig-Auflagen. Und wie er früher, zu Sowjetzeiten, auf das Samisdat auswich – so wich er nun auf das Internet aus. Die in Kleinstauflagen herausgegebenen zahllosen Bände des „Roten Rades“ hatte ich mir irgendwann verschaffen können; bei meinem Wanderleben blieben sie dann irgendwo zurück und waren, außer im Internet, nicht mehr aufzutreiben. Von dorten lud ich mir das alles herunter, druckte es aus; und diese ganzen Bände habe ich nun in Form von Aktenordnern (ich tat das nicht aus Sammelwut, sondern weil mich doch tatsächlich immer wieder das Bedürfnis befällt, darin zu lesen). – Solschenizyn ist in vorliegendem Zusammenhang noch aus dem Grunde interessant, weil er das Vergnügen hatte, sich in verschiedenen Situationen mit jeweils spezifischen Mitteln behelfen zu müssen: In den durch Zensur gesteuerten sowjetischen Bedingungen durch Samisdat auf Papier; unter den durch diktatorische Modeströmungen, wirre Gleichgültigkeit, finanzielle Interessen usw…. gesteuerten späteren Bedingungen: durch Samisdat im Internet. – Wobei noch festzuhalten sei, daß Solschenizyn sich nie als „Dissidenten“ betrachtete und sich auch gegen solche Bezeichnung wehrte. Er sagte einfach, was er zu sagen hatte, brachte es unter der jeweils möglichen Form unter die Leute; und fertig. Wen es interessierte – der las es; wen es nicht interessierte – der ließ es sein.

Mögen denn alle det so tun.

Prost
Raymond

p.s. Um den gedanklichen Faden richtig herauszuarbeiten, hätte ich viel ausführliche werden müssen. Für einen Blogeintrag wäre det dann aber, wie mir auffiel, viel zu lang worden. Drum: Lassen wir es denn mal so, wie es ist. So jemand Wert darauf legen sollte, kann ich es ausarbeiten.

nochmal:
Prost

Donnerstag, Februar 25, 2010

Gedanken zu Schreiben, Copyright, Texteklau und damit verbundenes

Ausführlicher habe ich mich dazu in meinem „Aktualisierungsblog“ geäußert.

In knappem Überblick sei folgendes gesagt:

  • Essayistik und Belletristik aus meiner Feder bzw. Tastatur, die mir über die Grenzen der eigenen vier Wände hinaus interessant scheint, veröffentliche ich ohne jede finanzielle Erwägungen, damit es jedem, dem das interessant sein könnte, zugänglich ist, und stellenweise veröffentliche ich es in solcher Form, daß man es bequem an allfällige weitere Interessierte weitergeben kann.
  • Mit meiner schreiberischen Tätigkeit strebe ich weder einen Status als „Schriftsteller“ an noch irgendwelchen finanziellen Gewinn.
  • Der offizielle Kulturbetrieb mit seinen Schriftstellern, Preisträgern und Preisverteilern interessiert mich höchstens insofern, als er neben der ins Kraut schießenden belanglosen Spielerei auch noch Ernstzunehmendes bieten kann. Die Zielgruppe meiner Schreiberei beschränkt sich auf die Sphäre derjenigen, die etwas damit anfangen können; schriftstellerischen Ruhm im Sinne der heutigen Auffassung strebe ich nicht an, im Gegenteil würde ich ihn sogar als störend empfinden, da solcher Ruhm die Sphäre der ehrlich Interessierten aufsprengen würde in Richtung auf ein Publikum, das sich für nichts interessiert und nur mitreden möchte; wodurch alles verwässert würde.
  • Im Hinblick auf diesen Kreis der ehrlich Interessierten betrachte ich mich als berufsmäßigen Schreiber.
  • Mit der Veröffentlichung meiner Arbeiten verbinde ich, wie gesagt, keine finanziellen Interessen und finde es in Ordnung, wenn sie ohne mein Wissen, aber unter meinem Namen frei weiterverteilt werden. - Womit ich aber unter keinen Umständen einverstanden wäre: daß irgendwelche Ehrgeizlinge sich mit meinen Texten schmücken, sie als dir ihrigen ausgeben. Diese Texte sind Produkte oder Nebenprodukte eines nicht ganz einfachen Entwicklungsweges, abseits allen persönlichen Ehrgeizes; einen solchen Mißbrauch würde ich als Beleidigung empfinden, gegen die ich mich gegebenenfalls zur Wehr setzen würde. Ich sehe das Copyright mehr von der Seite des Persönlichkeitsschutzes, weniger von der Seite des Finanziellen (wobei es mich natürlich zusätzlich noch ärgern würde, wenn irgendwelche Texteklauer mit meinen Texten verdienen würden, während ich selbst sehen muß, wie ich über die Runden komme).
  • In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die alte Frage nach dem Verhältnis zwischen Arbeit und Einkommen. Bewußte Auseinandersetzung mit den verheerenden Folgen der Kopplung von Arbeit und Einkommen im Bereich der kulturellen Entwicklung kann man natürlich von den Vertretern des offiziellen Kulturbetriebs nicht erwarten; die sehen det alles in wirrer Vereinfachung und sind sowieso nicht gemeint. Gemeint sein könnten etwa die Vertreter des Postulats eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“, da hier eine solche Auseinandersetzung - wie aus den griffigen Konsequenzen ersichtlich - zumindest im Hintergrund stattfindet oder stattfand. Versuche, ins Gespräch zu kommen, brachten allerdings nix; und es ergab sich der fatale Eindruck, daß man da hauptsächlich in Programmen lebt und sich mit deren Modifizierungen oder Durchführungsmöglichkeiten herumschlägt; was als Konsequenz einer gedanklichen Durchdringung natürlich ganz nett wäre, aber angesichts des Bedarfs an weitergehender gedanklicher Durchdringung doch nicht ganz das Wahre und ohne lebendigen gedanklichen Hintergrund möglicherweise zur Unfruchtbarkeit verdammt. Ich selbst seh die Sache nun etwas weiter, hab den Eindruck, daß da auch noch sehr viel gedankliche Feinarbeit geleistet werden muß; natürlich Hand in Hand, so weit das möglich ist, mit Durchführung im äußeren Leben, und ließ, mangels Gesprächspartnern, diese Frage erst mal beiseite (obwohl ich sie nach wie vor als sehr real und sehr dringlich betrachte)
  • Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.
  • Prost.
p.s. Der Gesamtzusammenhang, in welchen obiger Beitrag eingebettet ist, wurde übersichtlich und druckerfreundlich in einer PDF-Datei zusammengefasst, die man im Falle von Interesse hier herunterladen kann (Dateiname: "Vom_Lesen_und_Schreiben")

Raymond Zoller

Dienstag, Februar 09, 2010

Von neuen Kulturprinzipien

"Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. (...) Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit."
"Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir"
"Ich bin nur Untermieterin in meinem eigenen Kopf."

Zitate Helene Hegemann, (wie man sagt: von anderen abschreibende; ich weiß es nicht, hab es nicht überprüft) deutsche Erfolgsautorin.

Das ist nun ganz außerordentlich interessant.

Daß irgendwelcher originell klingende Stuß von einem arrivierten Verlag angenommen wird, ohne daß jemand merkt, daß das eine Collage ist aus Zusammengeklautem, wundert mich weiter nicht; auch nicht, daß dann dieser in einem renommierten Verlag herausgebrachte Stuß – nach dem Prinzip „des Kaisers neue Kleider“ – in Wechselwirkung mit dem nicht minder urteilsunfähigen Publikum eine Eigendynamik annimmt und zum Bestseller wird. Das ist alles ganz normal; bedauernswert nur das ratlose Opfer, das nun schon selbst nicht mehr weiß, ob es denn nu eine hochgeniale Schriftstellerin ist oder nicht; mit dem man nun entweder noch etwas herumspielen wird, indem man die Collage aus Geklautem als „genial“ hinstellt (der Verlag dürfte, um sein Gesicht zu wahren, an einer solcher Richtung interessiert sein), oder die man vom literarischen Olymp in die Niederungen des Alltags hinunterstößt.

Bekannt sind mit Kulturkreise auf dieser unserer Welt, wo noch etwas Gespür übrig ist für Substanz und Aufrechte, und wo man noch versteht, daß Schreiben auch mit Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat.

In Deutschland vergißt man solches offenbar immer mehr. Das Wenige, was ich aus dem Umfeld der Affäre mit der abschreibenden Erfolgsautorin mitbekam (hab das nur ganz am Rande mitverfolgt; gibt interessanteres, als in diesen Morästen herumzuplantschen) deutet darauf hin, daß man in einer Atmosphäre völliger Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit und im verzweifelten Drang, doch endlich mal was wirklich Neues, Originelles zu bringen, die Individualitätslosigkeit zum Kulturprinzip erhoben hat….

Sollen sie erheben…

„Die Narrenkappe werf ich tanzend in die Luft,
denn ich entsprang….“

Prost
Raymond

Nachbemerkung:

Damit sei ausdrücklich nichts gegen das bedauernswerte Opfer dieses Kulturmorastes gesagt. Ihre Aussage "Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir" (sofern nicht auch abgeschrieben) deutet darauf hin, daß sie selber merkt, daß irgendwas nicht stimmt. Sie ist noch sehr jung; wenn man ihr helfen würde, dieses Aufmerken: daß irgendwas nicht stimmt – deutlicher zu fassen und darüber nach und nach zu sich selbst, zu ihrer Aufrechten zu finden – könnte sie es in ein paar Jahren vielleicht zu einer richtigen Schriftstellerin bringen (die dann natürlich niemand drucken würde, bzw. die möglicherweise auch selbst keinen Wert mehr darauf legen würde, in den allgemeinen Druckerschwärzemorast einzutauchen).

Doch wer soll ihr in diesem Wirrwarr helfen können? Die Verleger und Literaturkritiker ganz sicher nicht; die blicken selbst nicht durch.

Wünschen wir ihr denn, daß sie es, allen Widrigkeiten zum Trotz, irgendwann schaffen wird, „selbst von sich zu sein“.

Nochmal: Prost

Raymond


Sonntag, Januar 31, 2010

... aus fortschrittlichen Zeiten...

Nachfolgendes aus einem Brief.

Um unnötiges Hickehacke zu vermeiden sei der fördernde Staat als X bezeichnet und der geförderte Künstler als Y. Sind ja sowieso Variable, da solches in unseren fortschrittlichen Zeiten überall und fast jedem passieren könnte.



Mit der Finanzierung besagten Films ging das wie folgt:

Eine X-ische staatliche Organisation hatte ein Programm, in dessen Rahmen sie einige kleinere Projekte förderte; darunter auch den Film von Y. Die Fördersumme für diesen Film betrug 10.000 Euro; die paar weiteren Projekte – die ich im Einzelnen nicht kenne – bewegten sich alle summenmäßig in Etwa auf dieser Ebene. An Fördermitteln dürften für alle Projekte zusammen so maximal 100.000 Euro geflossen sein.

Das Gesamtbudget dieses Programms betrug nun Zwei Millionen. Die restlichen ca. 1.900.000 Euro wurden ausgegeben für Gehälter, Spesen, Auslandszuschüsse, Hotelaufenthalte, Reisen usw… der Mitarbeiter jener X-ischen Organisation.

[...] Leute also, die, wenn sie so hoch finanziert werden, offenbar sehr viel können. - Nach dem, was ich mitbekommen habe, handelt es sich dabei tatsächlich um Leute, die über das Können verfügten, an Jobs heranzukommen, in denen es sich ohne besonderes sonstiges Können ganz gut leben läßt.

Inhaltlich mischten sie sich in die Arbeit am Film nicht ein; X mußte nur über jeden ausgegebenen Cent genau Rechenschaft ablegen.

Und nun, da der Film fertig ist, haben sie die volle Kontrolle darüber; für jeden Schritt, der über das private Angucken hinausgeht, muß X in mühsamen bürokratischen Prozeduren die Erlaubnis einholen.

Was man ja noch halbwegs verstehen könnte, wenn diese wackeren X-er sich nun selber um „Promotion“ kümmern würden. – Tun sie aber nicht; sie beschränken sich darauf, zu kontrollieren, daß niemand anders sich darum kümmert. Um das selbst zu tun bräuchten sie vermutlich weitere zwei oder mehr Millionen, damit sie kompetente Mitarbeiter, mit dem Film in den Aktenkoffern, weltweit erster Klasse reisend und in teuersten Hotels übernachtend, herumschicken können; und diese Millionen scheinen nicht vorhanden.


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Freitag, Oktober 16, 2009

Resignation

Was noch zusätzlich zu meinem Versacken in resignierte Gleichgültigkeit beiträgt ist die traurige Tatsache, daß zahllose Zeitgenossen sogar noch dümmer sind als ich; so daß selbst das wenige Intelligente, das ich von mir zu geben in der Lage wäre, nicht verstanden würde.

(Wilhelm von Dorten)