Freitag, Juni 05, 2009

Von den Erfolgreichen

Ein an diesem Orte schon gelegentlich berührtes Thema nochmal etwas genauer unter die Lupe nehmend:

Solange der Mensch, besonders der zu geistiger Trägheit neigende, durch unhinterfragte wohl funktionierende Umstände getragen wird: versteht er eigentlich gar nix, lebt mit seinen Mitmenschen wie „Sandkörnchen neben Sandkörnchen“ und hat kaum eine Chance, sich zu entwickeln.

Zu diesen wohl funktionierenden Umständen gehören: Ein gesunder, durch keinerlei Probleme behelligter Körper, den man höchstens durch ein bißchen „Fitneßtraining“ noch besser zum Funktionieren bringt; soziale Mechanismen, denen man sich unhinterfragt angepaßt hat und die einen wohlig tragen, darunter einem von irgendwoher zuströmende wirtschaftliche Mittel; eine durch keinerlei unnötige Fragen wie Sinn und Unsinn des Lebens und sonstigen Klimbim – es sei denn in Form eines unverbindlichen intellektuellen Zeitvertreibs – behelligte seelische Situation.

Nun ist aber der heutige soziale Organismus infolge der technischen Entwicklung mitsamt Arbeitsteilung wieauch infolge sonstiger Faktoren so saumäßig kompliziert, daß er zu seinem rechten Funktionieren auf bewußte, denkende, sozial fähige Menschen angewiesen ist. Wenn solche Menschen fehlen, funktioniert die Sache halt eine zeitlang – von außen betrachtet: sogar scheinbar recht gut – als toter Mechanismus, den sich bewußtlos mittragen lassenden zur Erbauung, die zur Bewußtheit neigenden als Störfaktoren beiseiteschiebend oder zermahlend.

Dieser Mechanismus läuft so lange, bis er irgendwann auseinanderkracht. Zur Zeit scheint er weltweit am Krachen und wird es möglicherweise nicht mehr lange machen.

Das Schicksal jener „Erfolgreichen“, die das relative Funktionieren jenes Mechanismus mit ihrem eigenen Funktionieren verwechselt hatten, ist dabei ein entsetzliches; an Entsetzlichkeit nicht zu vergleichen mit dem auch nicht leichten Schicksal der zur Bewußtheit neigenden. Sie, die Erfolgreichen, fliegen plötzlich raus aus dem sie tragenden Mechanismus, dem sie sich so willig angepaßt hatten; verlieren plötzlich ihre Krücken und merken erst jetzt: daß sie an Krücken gingen und gar nicht gehen können. Oder merken noch immer nichts und sind nur, weiterhin ohne Bewußtheit, beleidigt auf die böse Welt; genauso wie sie früher bewußtlos sich zu den Erfolgreichen rechneten. Und da die Beziehung zu ihrer Umgebung, ohne nennenswerte eigene Aktivität, durch jenen Mechanismus sowie durch von selbigem bereitgehaltene Vergnügungen geregelt wurde, kamen sie auch nicht dazu, soziale Fähigkeiten zu entwickeln; wissen nicht einmal so recht, was das sein soll: soziale Fähigkeiten; merken nur: daß sie plötzlich in ihrem Unglück alleine sind.

Manche kommen darüber vielleicht – so sie nicht vollends den Boden unter den Füssen verlieren und durchdrehen – in eine gewisse Entwicklung hinein.

Was doch zweifellos gut ist.

Iss doch fast schon weise eingerichtet; nich? So der Mensch nicht freiwillig sich um seine Entwicklung kümmert, um bewußtes Darinnenstehen im Sozialen, so schafft er ganz automatisch solche Bedingungen, die ihn mit der Zeit vor die Wahl stellen: entweder an sich arbeiten, sich zum Nachdenken bequemen, ein Bewußtsein für seine Mitmenschen entwickeln – oder verzweifeln und durchdrehen.

Wollen denn hoffen, daß möglichst viele die Kraft finden werden, sich zu ersterer Variante aufzuraffen: da es sonst nämlich ganz großes Chaos gibt.

Prost.

Donnerstag, Juni 04, 2009

Stechmücken

Aber doch nicht uninteressant, wie selbstfabrizierte selbstveröffentlichte sprachliche Schnitzer einen manchmal tagelang verfolgen und ärgern können. Bin überempfindlich in diesen Dingen; besonders mir selbst gegenüber. Fast schon pathologisch. Heute früh wachte ich auf; und schon, einer Stechmücke gleich, schwirrte wieder so einer um mich herum. Einer von diesen selbstfabrizierten selbstveröffentlichten Schnitzern also…

Diese eine Stechmücke, die mich heute früh beim Aufwachen besucht habende, sei hier seziert, aufdaß sie mich künftig in Ruhe lasse (noch ein paar Tage, und ich hätte sie sowieso vergessen; es gibt auch sonst genug, das einen ärgert).

In einem Forum war's, wo ich zufällig reingerasselt war; es ging, grob gesprochen, um den Unterschied zwischen Geist und Reden über Geist; und die Geburt oben erwähnter Stechmücke hing zusammen mit einer an mich gerichteten Tirade, deren Verfasser die vorangehenden Ausführungen nicht gelesen oder zumindest nicht verstanden hatte, und welchselbige in der Frage gipfelte:

Und was ist für Sie Geist? So eine Art Gespenst vor der Sie Angst haben.

Normalerweise geh ich auf solche Ergüsse, die ihr Entstehen dem Nichtzuhören oder militantem Nichtverstehen verdanken, nicht ein. Hier aber machte ich eine Ausnahme und tippte auf die Schnelle die Sätze:

Sehr richtig, Herr xxx: so eine Art herumgeistelndes Gespenst ist das. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor ihm hatte; ich verstand nur lange Zeit nicht, was es damit auf sich hat, weil ich es irgendwie mit Geist verwechselte; und das verunsicherte mich. Als ich dann seinen Gespenstercharakter erkannt hatte, hatte ich keine Probleme mehr damit. Das heisst, eine zeitlang ärgerte ich mich noch darüber; und irgendwann war es mir dann egal.

Klickte, wohin man zu klicken hat; und schon war's drin.

Und ich guckte hin. Und ärgerte mich. Das heißt, die Gesamtaussage ist in Ordnung, dazu steh ich (abgesehen davon, daß ich eigentlich hätte weiter ausholen müssen, um auf den aus Nichtverstehen geborenen Erguß logisch einwandfrei zu antworten); nur zwei harmlose Kleinigkeiten fielen mir ins Auge; harmlos, aber immerhin weit genug daneben, um mich zu ärgern. Hätte jemand anders das so geschrieben, so wäre es mir auch aufgefallen; aber ich hätte es sofort wieder vergessen und mich auf das konzentriert, was er sagen will. Da ich das aber selbst so geschrieben hatte, wurde es mir zum Ärgernis.

Eben.

Es beginnt mit dem „hatte“ im zweiten Satz. Nun gut; das ist einfach ein Tippfehler, nur halt einer mit leicht entstellendem Charakter; lauten müßte es „hätte“: „Ich würde nicht sagen, daß ich Angst vor ihm hätte…“

Schlimmer steht es mit dem letzten Satz: „Das heisst, eine zeitlang ärgerte ich mich noch darüber; und irgendwann war es mir dann egal“. Das „irgendwann“ nämlich drückt den Moment des Eintretens eines Ereignisses oder Umschwungs aus und ist mit dem Dauerzustand des „Egalseins“ nicht vereinbar. Lauten könnte es etwa: „… und irgendwann hörte es dann auf, mich zu interessieren“; oder sonstwat in der Richtung…

So isses.

Normalerweise berücksichtigt man diese logischen, sprachlichen Zusammenhänge ja ganz automatisch, ohne viel darüber nachzudenken; auffallen tun sie einem erst dann, wenn das automatische Berücksichtigen bei einem selbst oder bei anderen aussetzt; und, zusätzlich, wie in meinem Fall: man ärgert sich über den Aussetzer…

Aber ansonsten ist das Leben zweifellos schön und kann nur noch schöner werden.

Prost.

Raymond

Dienstag, Juni 02, 2009

Geist und Sattheit

Aus einem Brief an eine Bekannte, die meinte, ich solle diese Stelle einrahmen und über meinen Schreibtisch hängen. - Da aber der ausgedrückte Sachverhalt mir schon längst bekannt ist, werde ich selbige Zeilen nicht einrahmen und auch nicht über meinen Schreibtisch hängen; setz sie dafür ins klamurkische Blog. Vielleicht findet sich jemand, der was damit anfangen kann. Wenn man es durchschaut hat: eigentlich nix Besonderes.


In der heutigen Zeit, wo alles teils versumpft ist, teils verknöchert, ist es sehr schwierig, seine Kräfte sinnvoll einzubringen, und wenn sehr viele Kräfte da sind, die nicht recht wissen wohin, kann das mitunter tatsächlich recht schmerzhaft sein.

Wenn man verwundbar ist oder verwundet ist man viel näher an der Kultur, als bei satter Gleichgültigkeit. Sogar bin ich der Ansicht, daß ohne ehrlich durchlebtes Leiden echte Kultur gar nicht möglich ist. Der heutige Westen hat eigentlich kaum Kultur; was man im Westen Kultur nennt ist tatsächlich fast alles nur „Überbau“. Vielleicht war das schon zu Marxens Zeiten so; weiß nicht; aber es könnte sein; und vielleicht kam er deswegen auf den Gedanken, alle Kultur sei Überbau.

Donnerstag, Mai 14, 2009

Metamorphosen der Unterdrückung

[aus einem gestern geschriebenen Brief]

Gestern stieß ich beim Lesen in deutschen Nachrichten auf Äußerungen eines gewissen Sarrazin: "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster" - "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können."

Natürlich ein […], dem ich von Herzen wünsche, daß er selbst mal in solche Lage kommt: damit er endlich versteht, in welcher Welt wir leben und die Gelegenheit hat, sich vom […] zum Menschen zu entwickeln.

[…]

Aber wenn man bedenkt, wie viele gute Leute heutzutage einfach draufgehen, ohne sich überhaupt bemerkbar machen zu können; ja, ohne überhaupt selbst richtig zu merken, was in ihnen steckt.

Eben diese Frage beunruhigt mich.

Während der Stalin-Zeit und auch während der Hitlerzeit wurden gute Leute rein äußerlich außer Gefecht gesetzt oder vernichtet. In der Moskauer Ljubjanka brannten über Jahre hinweg fast ununterbrochen die Öfen, in denen alle möglichen beschlagnahmte Manuskripte verbrannt wurden: wissenschaftliche Arbeiten, literarische Arbeiten; keimhafte Skizzen erwachender Talente, ausgereiftes, alles Mögliche in allen möglichen Qualitäten und Reifestadien.

Heute ist alles ganz anders. Jeder darf sagen, was er will, und es werden keine Manuskripte mehr verbrannt; dafür bleiben demjenigen, der stärkere Anlagen hat, kaum noch Chancen, sie zu entwickeln: man braucht keine Manuskripte mehr zu verbrennen, weil das Aufkommen entwicklungsfähiger Ansätze bereits im Keime erstickt wird; und selbst wo jemand es schafft, den Kopf über die Moräste hinauszuheben, geht seine Stimme im allgemeinen Geschwafel und Gequake unter.

Und unter denjenigen, die laut Sarrazin sich wärmer anziehen sollen, um weniger für Heizkosten ausgeben zu müssen, sind bestimmt nicht wenige, die potentiell eigentlich was zu sagen hätten, im materiellen Elend steckenbleiben und untergehen...

[…]

Zum Treffen zwischen Saakaschwili und Vertretern der Opposition

14. Mai 2009; „Взгляд“


Eine Mitteilung des Korrespondenten der Zeitung Взгляд aus Tbilissi:

Die georgische Niederlage im Augustkrieg im Zusammenhang mit Südossetien „hat dem seelischen Gleichgewicht von Präsident Saakaschwili einen starken Schlag versetzt“, erklärte am Donnerstag Salome Surabischwili, einstige Vorsitzende des Innenministeriums und Vorsitzende der Partei „Der Weg Georgiens“.

Am Donnerstag berichtete Salome Surabischwili der Zeitung „Все Новости“ („Alle Nachrichten“) Einzelheiten über das Gespräch zwischen Saakaschwili und Oppositionsvertretern vom 11. Mai; unter anderem sagte sie, daß „der Präsident irgendwelche überhaupt nicht komische Witze erzählte.“

Laut ihren Worten war es insgesamt schwierig zu verstehen, worüber Saakaschwili überhaupt sprach. Zudem hält der Präsident – wie Salome Surabischwili sich erinnert – Nino Burdshanadse, die einstige Parlamentssprecherin und Vorsitzende der Bewegung ‚Einiges Georgien’, für eine Agentin Moskaus und ist sicher, daß sie Geld aus Rußland bekommt.

„Er versicherte uns, daß 63 Prozent der Bevölkerung ihn unterstützt. Er lebt in einer anderen, virtuellen Realität und ist bemüht, als einzigen Weg für einen Machtwechsel nur den Weg des Umsturzes übrigzulassen, “ sagte Surabischwili.

Laut ihren Aussagen wird Saakaschwili „gesteuert von seiner kriminellen Umgebung“. Unter den Mitgliedern dieser Umgebung nannte sie den Vorsitzenden des Innenministeriums Vano Merabischwili und den Vorsitzenden des Justizministeriums Surab Adeischwili; und außerdem noch „einige Kriminelle“, welche die gesamte Macht in ihre Hände genommen haben und Saakaschwili in eine virtuelle Realität eingesperrt haben“.

Surabischwili bemerkte, daß in den georgischen Streitkräften eine sehr schwierige Situation am Entstehen ist, und diese Prozesse könnten unkontrollierbar werden.


[im Weiteren der russische Originaltext]


Оппозиция: Поражение в войне нанесло удар по психике Саакашвили
14 мая 2009, 11:36

Поражение Грузии в августовской войне вокруг Южной Осетии «нанесло большой удар по психике президента Михаила Саакашвили», заявила в четверг экс-глава МИД, лидер партии «Путь Грузии» Саломе Зурабишвили, передает корреспондент газеты ВЗГЛЯД в Тбилиси.

Рассказывая в четверг газете «Все новости» о деталях переговоров Саакашвили с оппозиционерами 11 мая, Саломе Зурабишвили, в частности, сообщила, что «президент рассказывал несмешные анекдоты».

По ее словам, было трудно в целом понять, о чем говорит Саакашвили. Кроме того, как вспомнила Саломе Зурабишвили, президент считает экс-председателя парламента, лидера «Демократического движения «Единая Грузия» Нино Бурджанадзе «агентом Москвы» и уверен, что получает деньги из России.

«Он уверял нас, что у него поддержка 63%. Он живет в другой виртуальной реальности и старается оставить для смены власти только путь переворота», - сказала Зурабишвили.

По ее утверждению, Саакашвили «управляем своим криминальным окружением». Среди членов этого окружения она назвала глав МВД Вано Мерабишвили и Мюнюста Зураба Адеишвили, а также еще «несколько криминалов», которые «взяли в руки всю власть, замкнув Саакашвили в виртуальной реальности».

Зурабишвили отметила, что очень тяжелое положение складывается в Вооруженных силах Грузии, и эти процессы могут стать неуправляемыми.

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Mittwoch, Mai 06, 2009

georgisches...

In deutscher Übersetzung Auszug aus einem Brief aus Georgien.
Русский оригинал см. ниже

Gestern wurde ich Zeuge einer der Strafoperationen: an der xxx-Straße, so gegen 11 Uhr Abends, wurde eines der Häuser von Soldaten der Sondereinheit umzingelt, maskiert und mit amerikanischen Maschinenpistolen F16 (oder M16, kenn mich da nicht so aus). Man hörte Schläge gegen eine Eisentür, Jammern und Schreien.

Es war furchtbar. Niemand ist mehr sicher.

Vermutlich hast du von diesem sogenannten Staatsstreich gehört.

Eine billige Inszenierung, die ernst zu nehmen selbst den Anhängern Mischas schwer fällt.

Und anschließend eine Fernsehsendung – Mischa als Held! Er hatte keine Angst, persönlich am Orte des Staatsstreichs zu erscheinen (dieser erbärmliche Feigling, der beim Anblick eines russischen Flugzeugs so energisch losrannte, daß seine Leibwächter – durchtrainierte Burschen – ihm, mit dem Ruf „lauf nicht so schnell!“ nur mit Mühe folgen konnten. Diese Aufnahmen haben alle gesehen; sie werden jetzt jeden Tag im oppositionellen Fernsehen gezeigt); und nun plötzlich: er steht da und hält den schuldigen Soldaten eine Gardinenpredigt der Art „ich habe euch genährt und gekleidet, und ihr Undankbare…“ usw…

Und all dies wurde natürlich aufgeführt, um die Repressionen zu rechtfertigen.

(einen Zusammenschnitt von Videoaufnahmen, darunter auch die oben erwähnte Szene, kann man hier herunterladen; allerdings alles in Russisch)


Вчера был свидетелем очередной карательной операции: на улице xxx, где-то в 11 часов вечера, один из домов был окружен спецназовцами в масках и с американскими автоматами Ф16 (или М16, не разбираюсь в этих штуках). Был слышен звук ударов по железной двери, вопль и крики.

Стало просто жутко. Никто не застрахован.

Наверно слышал об этом так называющемся государственном перевороте.
Дешевый спектакль, в который даже сторонникам Миши трудно верить всерьез.
И потом, телетрансляция - Миша герой! Он лично не побоялся прийти на место переворота (этот подонок-трусишка, который при виде российского самолета побежал, да так, что охрана - натренированные парни - еле за ним поспевала с криком "не беги так быстро". Эти кадры все видели. Их теперь каждый день показывает оппозиционный телеканал) и вот: он стоит и читает нотацию провинившимся солдатам, мол "я вас кормил и одевал, а вы неблагодарные..." и т.д.

Все это конечно сделано, чтоб оправдать репрессии.

Freitag, Mai 01, 2009

Und weiter kriselt es…

Eben: es kriselt weiter.

Den einen geht’s noch gut. Die können dann in wohligem Behagen lesen, was die Massenmedien über die Krise schreiben und dann darüber diskutieren und theoretisieren; genauso wie einstens in behaglicher Muße sie über den Krieg in Georgien allen möglichen Unsinn verzapften, oder über das Blutvergießen im Irak und in Afghanistan:

„Nichts bessres weiß ich mir an Sonn-und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
wenn hinten, weit, in der Türkei,
die Völker aufeinanderschlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus,
und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
dann geht man abends froh nach Haus
und segnet Fried und Friedenszeiten“
(iss von Goethe, aus dem Faust)

Wobei, so lange es einem selbst gut geht, irgendwelche nicht mehr aus und ein wissende Nachbarn, irgendwelche im Umkreis sich mühsam am Abgrund entlanghangelnde „Freunde“ im Prinzip genau so weit weg sind wie diese sich unter irgendeinem Superdemokraten abquälenden Georgier, die von den Amerikanern gerettet werdenden Iraker oder irgendwo im Busch vor sich hin hungernde Afrikaner: fast schon auf dem Mond, wenn nicht noch weiter… So lang es einem selbst gut geht, bleibt die Not reine Theorie, und von der Not betroffene Mitmenschen verlieren den menschlichen Status und verwandeln sich in irgendwelche blassen, uninteressanten in dieser theoretischen Krisenwelt beheimatete Gestalten.

So lange zumindest, bis es einen selbst trifft.

Wenn es einen selbst trifft und die Krise von im Kopfe verbleibender Theorie zu der Seele Schmerzen bereitender Realität wird - ist es dann meistens zu spät: der aus dem Wohlstand gebraute Klebstoff, der das Surrogat eines sozialen Zusammenhalts, eines Miteinander schuf, hält einen nicht mehr, und man fällt aus diesem künstlichen Zusammenhalt hinaus zu diesen blassen theoretischen Schemen, die man vorher nicht wahrnehmen wollte.

Nun sind plötzlich alle Krücken weg; man ist ganz alleine; und es ist ganz natürlich, daß Menschen, die nicht alleine gehen gelernt haben und außer den bekannten Gemeinschaftssurrogaten keine zwischenmenschlichen Beziehungen kennen, in der nun plötzlich hereingebrochenen Einsamkeit und Hilflosigkeit den Faden verlieren.

Manche fügen sich brav in ihr Schicksal; lernen nach und nach vielleicht sogar was und entwickeln sich zu selbständig denkenden, sozial fähigen Menschen; andere hinwiederum drehen, wie man so sagt, durch…

Und mit vor besagtem Hintergrund „durchdrehenden“ wird man, fürchte ich, nun immer mehr zu tun bekommen; und wenn es dann im Weiteren zu Zusammenrottungen von „Durchgedrehten“ kommt, kann det recht unerquicklich werden; noch viel unerquicklicher, als es jetzt schon ist.

Als ich, zum Beispiel, in den Nachrichten erste Andeutungen von dem „Unfall“ während der Festlichkeiten mit der holländischen Königsfamilie mitbekam: war mir natürlich sofort klar, daß det kein Unfall sein kann; aber auch ein geplantes Attentat schien mir unwahrscheinlich. Als dann erste Einzelheiten über jenen Fahrer durchsickerten: Ein Mensch, der seine Arbeit verloren hat, der seine Miete nicht mehr bezahlen kann… - waren die Hintergründe deutlich; und es würde mich sehr wundern, wenn außer diesem einen Verzweifelten noch andere in die Organisation dieses Zwischenfalls involviert wären.

Dafür würde es mich nicht wundern, wenn solche und ähnliche und noch viel schlimmere Zwischenfälle sich häufen würden.

Es sei denn, daß immer mehr Zeitgenossen sich dazu bequemen würden, ihr erbärmliches Behagen überwindend all diese Krücken und Surrogate, von denen sie getragen und in die sie eingebunden sind, mal zu hinterfragen und vielleicht, bevor ihnen die Krücken und Surrogate entzogen werden, selbst gehen zu lernen und den Schein von sozialem Zusammenhalt durch sozialen Zusammenhalt zu ersetzen.

Natürlich alles nicht so einfach; vor allem, wenn man es freiwillig macht und nicht unter dem Zwang von Notlagen; doch wenn die Notlagen einen zwingen isses in der Regel zu spät.

So isses

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Freitag, April 10, 2009

Weiter: Tbilissi

Diesmal nicht aus „Взгляд“, sondern aus einer soeben aus Tbilissi erhaltenen E-Mail (die Internet-Blockade scheint aufgehoben oder zumindest nicht ganz so dicht):

Heute, wie auch gestern, werden wir am Meeting teilnehmen.

Sehr viele Leute. Kann mich nicht erinnern, sowas erlebt zu haben; von der Oper bis zum Platz der Freiheit [„svodoni“ vermutlich doppelter Tippfehler anstatt „svobody“; wer die Ecke kennt wird mir Recht geben, daß ganz sicher der Freiheitsplatz gemeint war und nix anderes – d.Üb.] alles dichtes Gedränge. Trotzdem macht sich wieder die organisatorische Schwäche der Opposition bemerkbar. Vielleicht reicht der Wille nicht oder die Fähigkeit; und das Volk, so um die 150.000 Personen (das heißt jeder achte Bewohner von Tbilissi – verstehst du, was das für ein Maßstab ist. Aus der Provinz lassen sie die Leute nicht durch; sonst wären es noch viel mehr) ist äußerst radikal gestimmt.

Wenn man die westliche Presse liest, oder mit westlichen Journalisten spricht, von denen es hier jede Menge gibt, kommt man zu dem Schluß, daß der Westen zum wiederholten Male Verrat übt, das heißt diesen Unhold unterstützt (wenn auch nicht ganz so offen wie früher). Alle betreiben sie Augenwischerei mit Worten wie: „Stabilität“, „Russische Bedrohung“, „Oberhoheit des Gesetzes“…

Bis auf den letzten Mann haben diese Journalisten sich in Kindergarten-Pädagogen verwandelt. Bedrückend und ärgerlich…

Und „jener“ hat extrem wenig Anhänger.

Weiter der russische Originaltext (wie man sieht: mit lateinischen Buchstaben; halt kein mit kyrillischer Schrift ausgestatteter Computer in der Nähe…)


segodnja, kak i vchera,budem na mitinge.
narodu ochen mnogo. takogo daje ne pomniu. nachinaia ot operi i konchaia ploshadiu svodoni, vse bitkom nabito. no vse ravno snova brosaetsa v glaza organizatorskaia slabost oppozicii. duxa chto li ne xvataet, ili uma. a narod, gde-to 150 000 chelovek (to bish kajdii vosmoi tbilisec-ponimaesh kakoi masshtab. iz raionov liudei ne puskaoit , a to bilo bi bolshe) nastroen kraine radikalno.
chitaja zapadnuiu pressu, ili razgovarivaia s zapadnimi jurnalistami, kotorix tut prud prudi, prixodish k vivodu, chto zapad v kotorii raz zanimaetsa predatelstvom, a imenno podderjkoi etogo negodjaia (xot i ne tak otkrito kak ranshe). vse zanimaiutsa ochkovtiratelstvom so slovami: "stabilnost", "rossiiskaia ugroza", "verxovenstvo zakona"...
vse kak odin, eti jurnalisti prevratilis v pedagogov detsada. obidno i dosadno.
u "etogo" storonnikov kraine malo.