Von den Erfolgreichen
Solange der Mensch, besonders der zu geistiger Trägheit neigende, durch unhinterfragte wohl funktionierende Umstände getragen wird: versteht er eigentlich gar nix, lebt mit seinen Mitmenschen wie „Sandkörnchen neben Sandkörnchen“ und hat kaum eine Chance, sich zu entwickeln.
Zu diesen wohl funktionierenden Umständen gehören: Ein gesunder, durch keinerlei Probleme behelligter Körper, den man höchstens durch ein bißchen „Fitneßtraining“ noch besser zum Funktionieren bringt; soziale Mechanismen, denen man sich unhinterfragt angepaßt hat und die einen wohlig tragen, darunter einem von irgendwoher zuströmende wirtschaftliche Mittel; eine durch keinerlei unnötige Fragen wie Sinn und Unsinn des Lebens und sonstigen Klimbim – es sei denn in Form eines unverbindlichen intellektuellen Zeitvertreibs – behelligte seelische Situation.
Nun ist aber der heutige soziale Organismus infolge der technischen Entwicklung mitsamt Arbeitsteilung wieauch infolge sonstiger Faktoren so saumäßig kompliziert, daß er zu seinem rechten Funktionieren auf bewußte, denkende, sozial fähige Menschen angewiesen ist. Wenn solche Menschen fehlen, funktioniert die Sache halt eine zeitlang – von außen betrachtet: sogar scheinbar recht gut – als toter Mechanismus, den sich bewußtlos mittragen lassenden zur Erbauung, die zur Bewußtheit neigenden als Störfaktoren beiseiteschiebend oder zermahlend.
Dieser Mechanismus läuft so lange, bis er irgendwann auseinanderkracht. Zur Zeit scheint er weltweit am Krachen und wird es möglicherweise nicht mehr lange machen.
Das Schicksal jener „Erfolgreichen“, die das relative Funktionieren jenes Mechanismus mit ihrem eigenen Funktionieren verwechselt hatten, ist dabei ein entsetzliches; an Entsetzlichkeit nicht zu vergleichen mit dem auch nicht leichten Schicksal der zur Bewußtheit neigenden. Sie, die Erfolgreichen, fliegen plötzlich raus aus dem sie tragenden Mechanismus, dem sie sich so willig angepaßt hatten; verlieren plötzlich ihre Krücken und merken erst jetzt: daß sie an Krücken gingen und gar nicht gehen können. Oder merken noch immer nichts und sind nur, weiterhin ohne Bewußtheit, beleidigt auf die böse Welt; genauso wie sie früher bewußtlos sich zu den Erfolgreichen rechneten. Und da die Beziehung zu ihrer Umgebung, ohne nennenswerte eigene Aktivität, durch jenen Mechanismus sowie durch von selbigem bereitgehaltene Vergnügungen geregelt wurde, kamen sie auch nicht dazu, soziale Fähigkeiten zu entwickeln; wissen nicht einmal so recht, was das sein soll: soziale Fähigkeiten; merken nur: daß sie plötzlich in ihrem Unglück alleine sind.
Manche kommen darüber vielleicht – so sie nicht vollends den Boden unter den Füssen verlieren und durchdrehen – in eine gewisse Entwicklung hinein.
Was doch zweifellos gut ist.
Iss doch fast schon weise eingerichtet; nich? So der Mensch nicht freiwillig sich um seine Entwicklung kümmert, um bewußtes Darinnenstehen im Sozialen, so schafft er ganz automatisch solche Bedingungen, die ihn mit der Zeit vor die Wahl stellen: entweder an sich arbeiten, sich zum Nachdenken bequemen, ein Bewußtsein für seine Mitmenschen entwickeln – oder verzweifeln und durchdrehen.
Wollen denn hoffen, daß möglichst viele die Kraft finden werden, sich zu ersterer Variante aufzuraffen: da es sonst nämlich ganz großes Chaos gibt.
Prost.

