Dienstag, Juni 05, 2012

Von dem alles verkomplizierenden Facettenreichtum unseres Daseins

Was ich wirklich meine ist für gradlinig denkende manchmal schwer zu verstehen.

Eigentlich meine ich, unter verschiedener Gewichtung, die verschiedensten Dinge gleichzeitig. Sogar solche, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen.

Man kann die Welt – inklusive seiner selbst – von den verschiedensten Seiten her betrachten; und je nachdem von wo man guckt ändern die Dinge ihre Gewichtung.

Hinzu kommt, daß ich mir manchmal einen Plausch draus mache, vereinzelte Blickwinkel zu überzeichnen.

Ein Elefant im Porzellanladen iss schlecht.

In der Savanne isser hinwiederum an seinem Platze (wobei man auch hier, je nach Blickwinkel und wenn er, zum Beispiel, einem in der Savanne auf die Zehen tritt, die verschiedensten Plus-und Minuspunkte ausmachen kann).

Alles in Allem: er ist da, und es geht darum, die zahllosen Facetten des Kontextes zu verstehen, in dem er „da“ ist.

***

Wer sich nicht selbst befehlen kann, braucht über sich eine Autorität, die ihm das Befehlen abnimmt. Hier ist Autorität am Platze.

Eine unmündige Autorität, die sich, ohne etwas zu verstehen, in alles einmischt und alles nach ihrem Bilde und Gleichnis einrichten will, kann denjenigen, die sich nicht selbst befehlen können, keine rechte Hilfe sein, und hindert die zu Eigenständigkeit fähigen an eigenständiger Aufbauarbeit.

Auch die Autorität hat so ihre verschiedenen Facetten.

***

Det iss so, wenn man hinguckt und versucht, zu verstehen, was schon da ist (für diejenigen, die das nicht so gründlich und von allen Seiten betreiben, ist alles natürlich sehr viel einfacher: es ist gut oder schlecht, man ist dafür oder dagegen;  und fertig)

Noch komplizierter und facettenreicher als beim Erkennen dessen, was da ist, ist es mit dem Handeln.

Wie Goethe ganz richtig sagt:

„Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“

Das ist nu mal so. Es ist dem Handelnden nicht möglich, sämtliche Folgen seiner Tat ins Auge zu fassen und zu berücksichtigen; und nicht selten sieht man sich gezwungen, zwischen „größerem“ und „kleinerem“ Übel zu unterscheiden; und selbst die edelste Tat ist begleitet von bewußt in Kauf genommenen oder unbeachtet mitlaufenden größeren oder kleineren Übeln.

***

Wenn jemand in den Fluß gefallen ist, und ich eile hin, um ihn herauszuziehen, so ist das natürlich in gewisser Hinsicht begrüßenswert.

Doch jemand kann mir vorrechnen, daß ich bei meinem Dahineilen das Gelege eines unter Naturschutz stehenden Vogels kaputtgemacht habe, daß ich drei gleichfalls unter Naturschutz stehende Käfer zertrat, und daß ich jemanden, mit dem ich verabredet war, warten ließ und daß der sich bei der Warterei einen Schnupfen holte.

So isses.

Kommentare:

Ingrid H. hat gesagt…

»Eigentlich meine ich, unter verschiedener Gewichtung, die verschiedensten Dinge gleichzeitig. Sogar solche, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen.«

:-) Das hast Du wohl mit Walt Whitman gemeinsam, der sagt (Song of Myself):

»Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)
«

Herzlichen Gruß,
Ingrid

Raymond Zoller hat gesagt…

Geht vermutlich vielen so, die sich dumpfem Schematismus, kategorischen Imperativen und sonstigem einengendem Unfug bis zu einem gewissen Grade entwunden haben.

Wichtig natürlich, daß man die verschiedenen Sichtweisen, Blickwinkel, Gewichtungen bewußt zueinander in Beziehung bringen kann. Wo das nicht passiert und bloß blindlings drauflos „gemeint“ wird, kommt man nicht in die Weite, sondern in den Sumpf.

So isses
Gruß zurück
Raymond