Samstag, Februar 08, 2014

Warum ich Sotchi boykottiere

Дюковский парк

Ich boykottiere Sotchi, weil ich zwar mit größtem Vergnügen mich selbst bewege, dafür aber nicht die geringste Lust habe, zuzugucken, wie andere sich bewegen.

Was es sonst noch für Gründe geben könnte, Sotchi zu boykottieren, interessiert mich nicht.

Sport und Politik gehören genau so wenig zusammen wie Kirche und Politik; auch wenn das aus unerfindlichen Gründen dauernd vermischt wird. Wer zugucken möchte, wie irgendwelche Leute um die Wette rennen und es sich leisten kann – möge getrost nach Sotchi fahren.

Mich nervt dieses lärmige Politikastertum.

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Mir wurde vorgeworfen, daß mir alles egal ist und daß ich gleichgültig zusehe, wie die Russen Homosexuelle verprügeln und insgesamt sehr böse sind und Menschenrechte verletzen.

Doch mir ist längst nicht alles egal. Die Situation in Rußland, aber auch in Deutschland und sonstwo, mitsamt Menschenrechtsverletzungen, den offenliegenden wie den versteckteren, interessiert mich sogar sehr; aber ich weiß auch, daß das alles viel zu kompliziert ist und differenziert, als daß man durch politisierendes Sportplatzgeschrei und künstlichen Aufbauschen einzelner Vorkommnisse irgendwelche Probleme erkennen und lösen könnte.

Und was speziell das hochgespielte Verprügeln von Homosexuellen betrifft: Dauernd werden alle möglichen Leute weltweit auf allen möglichen Straßen verprügelt. Generell ist das ausgesprochen schlecht, und man sollte dem einen Riegel vorschieben; ist klar. – Und dann gibt es noch Fälle einzelner Verprügelungen, ob schwer oder leicht, die man aus dem allgemeinen Verprügelungsreservoir herausgreift, um sie lautstark politisch auszuschlachten.

Würden die Homosexuellen rein privat ihre Homosexualität ausleben, so hätte vermutlich auch in Rußland kaum jemand etwas dagegen einzuwenden. Da sie aber daraus – gestützt durch den europäischen Gendermainstreaming-Unfug – eine andern aufzudrängende Ideologie machen und mit ihren Paraden und sonstigen Unternehmungen gezielt provozieren – gehen sie den Leuten auf die Nerven und fordern dadurch gelegentliche Überreaktionen heraus. Ist schlecht, aber verständlich.

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Wenn mehr Leute Sport treiben würden, statt anderen beim Sportmachen zuzugucken und aus dem Zugucken eine Religion zu machen, so würde die Atmosphäre vielleicht etwas klarer. Manchmal hat man den Eindruck, daß das gesamte Weltgeschehen sich in einen Sportplatz verwandelt mit alles verdeckendem stumpfsinnigem Gegröle. Vor lauter Grölen verliert man die Fähigkeit zu unterscheiden, was Sache ist und was nicht und braucht sich nicht zu wundern, wenn das unbeachtete unverstandene übergrölte Weltgeschehen einen überrollt.

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So isses.

Kommentare:

dirk hat gesagt…

Turnen ist besser als Turnen-Gucken, find ich auch. Musizieren ebenso. Aber wenn man gern schaut, hört, warum nicht? Ich mag Wettkämpfe nicht. Ganze Gesellschaften bauen darauf, wirr geführt von den Menschen, die die Besten im Sichdurchsetzen sind, nur für sich wissen, wohin. Die olympischen Spiele, höre ich, seien Ausdruck der Idee, dass Menschen sich im friedlichen Wettkampf messen können, statt sich zu bekriegen. Das finde ich schön, aber nicht ausreichend. Vielleicht können Menschen ja gemeinsam, statt gegeneinander. Leidiger ist für mich der Nationalismus solcher Veranstaltungen. Nationalstaaten, noch vor den Religionen häufigste nichtnatürliche Todesursache der Geschichte, kann ich nicht leiden. Darum würde ich das ausschalten, wenn ich Fernsehzuschauer, und nicht hingehen, wenn ich Stadiongänger wäre, gleich ob in Russland, Deutschland oder Katar geschwitzt wird. Dass die Freunde des Völkischen und des Wettstreits ihren Spaß haben, wundert mich aber nicht und da sie die große Mehrheit stellen, muss ich es ihnen gönnen.

Übrigens: Würden Heterosexuelle rein privat ihre Sexualität ausleben, mich nicht rund um die Uhr damit behelligen, in Mode, Design, Kunst, Unterhaltung, Reklame, Sprache, Sprüchen dann fühlte ich mich auch provoziert, wenn sie plötzlich auf die Straße gingen - so kann es mir nicht einmal auffallen. Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht. Sotchi allerdings ist nicht Moskau.

Ein Gruß aus Berlin.

Raymond Zoller hat gesagt…

Sportveranstaltungen waren vielleicht bei den ollen Griechen, vielleicht auch noch klein wenig später, in aller Freundschaft ausgetragene gemeinschaftliche Leibesübungen. Heute sind das gewohnheitsmäßig durchgeführte, nur dem gewohnten Lippenbekenntnis nach 'freundschaftsgetragene' Rituale, von breiten Bevölkerungsschichten unhinterfragt tierisch ernst genommen und von allen möglichen Kreisen und Einzelpersonen zu allen möglichen Zwecken (persönliche Bereicherung, politische Agitation und so weiter und so fort) mißbraucht.
Was die Heterosexualität in der Werbung und sonstigen Alltagserscheinungen betrifft, so ist die ja nicht aggressiv missionarisch, sondern wird als etwas völlig selbstverständliches gehandhabt (und in der Tat muß man vermuten, daß der Großteil der Bevölkerung heterosexuell ist; wäre es anders, würden die Werbefritzen sich sicher was anderes einfallen lassen, um sich dem anzusprechenden Personenkreis anzupassen). Glaub nicht, daß das für die Homos besonders diskriminierend ist. Mir wird durch die Werbung ja auch dauernd alles mögliche Zeugs angeboten, das mich nicht anspricht und mich nicht interessiert; teure Autos, Luxusvillen, Haarwasser, Babynahrung…. Und auch das Glockengeläut der verschiedenen Kirchen stört mich nicht, obwohl ich allergisch gegen solche Orte bin und sie nur betrete, wenn es anders nicht geht. Stören würde es mich nur, wenn man es mir missionierend aufdrängen würde. Und auch Homosexualität und sonstige sexuelle Richtungen werden erst dann lästig, wenn sie als Anderen aufzudrängende Ideologien gehandhabt werden. Eben solches passiert nun mal häufig und ruft Unmut hervor.
Ich missioniere die Menschen in meinem Umfeld hier ja auch nicht mit der Forderung, sie sollen Russisch lernen oder Deutsch. Ich finde mich damit ab, daß ich hier in einer sprachlichen Minderheit lebe; bin dadurch nicht besser und nicht schlechter als meine serbischsprachige Umgebung; aber wenn ich mich normal unterhalten will, tu ich das in meinem russischen Freundeskreis.
Gruß aus Montenegro
Raymond

dirk hat gesagt…

Huch. Ich habe noch niemanden gehört, nicht ein einziges Mal, der dazu riet oder dazu aufrief, homosexuell zu werden, noch jemanden, der gewusst hätte, wie das gehen soll. (Hätte mir das wer verraten - ich hätte es gemacht.) Menschen, die Homosexuellen empfehlen, heterosexuell zu werden, gibt es jede Menge. Wie, das erzählen die natürlich auch nicht, es sei denn, sie bieten es gegen Geld an. Und Leuten, die ohne Sex leben, gleich, ob sie das freiwillig oder unfreiwillig tun, wird zum Sex geraten, wie Villenlosen zum Villenerwerb. Du hast Recht, die Yacht- und Villenwerbung ist überall, obwohl ich beides nicht will. Eben darum ist sie mir egal. Die Sexwerbung war es weniger und hat mir das Leben hinreichend vermiest. Ich wollte nicht wicht wissen, was sie auf ihren Yachten, in ihren Villen treiben.

Raymond Zoller hat gesagt…

Das Auftreten der Homos in Russland hat stellenweise schon einen gewissen missionarischen Charakter; und dass das die Leute nervt kann ich verstehen. Und der Einfluss der Gender-Mainstreaming-Ideologie ist nicht zu übersehen; dadurch fühlen sie sie sich ganz besonders im Recht zu missionieren, gewissermassen als Vertreter einer dieser einzig wahren Ideologien. Und nerven dadurch ganz besonders.
Auch die Pussyriots holten die Kraft für ihren Unfug aus dieser Ideologie.
Solche ideologiegestärkte Provokationen rufen im Gegenzug Überreaktionen hervor und stärken die diktatorischen Tendenzen.
Was den Wessis natürlich gefällt; dadurch findet sich immer mehr, auf das man empört mit dem Finger zeigen kann.
Anlass zu diesem Text war übrigens ein Aufruf, Sochi zu boykottieren, weil die Russen die Homos so schlecht behandeln und auch sonst sehr böse sind.