Sonntag, März 15, 2009

Georgisches

Was man von im georgischen Alltag lebenden und leidenden Freunden und Bekannten alles so mitbekommt… Nach außen hin wirkt es derzeit sogar verhältnismäßig ruhig; doch unter dieser verhältnismäßig ruhigen Oberfläche kündigt sich, wenn man sich mit Leuten unterhält, die das alles aus der Nähe mitbekommen (und die man, um sie nicht in Lebensgefahr zu bringen, nicht einmal nennen darf) wüstestes Unheil an.

So wird zur Zeit in Georgien fleißig amnestiert; das heißt, Leute, die bisher in Gefängnissen saßen, werden freigelassen.

Was auf dem ersten Blick sehr edel ist und gut.

Wenn man aber näher hinschaut und sieht, daß es sich bei den Befreiten in allererster Linie um Kriminelle handelt, wird das, was auf dem ersten Blick als edel und gut erscheint, schon eher besorgniserregend.

Und der Gedanke kommt auf: Vielleicht hat dieses Regime wirklich keine andere Stütze mehr als die Kriminellen (der Gedanke kommt noch aus anderen Gründen auf; doch hiervon später, wenn man durch unnötiges Reden niemanden mehr in Gefahr bringt; einige der zur Zeit gefährdeten werden dann, so sie es überleben, wohl auch selber reden).

Wenn man sich schon nicht einmal mehr richtig auf die Armee verlassen kann…

Bleibt nur zu hoffen, daß in der Armee Anständigkeit und gesunder Menschenverstand vorherrscht. Wenn ja, wird die Armee im Falle eines Falles mit diesem Gesindel kurzen Prozeß machen; wenn nicht – riecht es nach Bürgerkrieg.

Ob nach allfälliger Klärung der Situation Georgien unter Russischer oder Amerikanischer Hegemonie landet scheint mir unter den obwaltenden Bedingungen eine zweit- oder drittrangige Frage. Ich selbst – und die meisten meiner Georgischen Freunde – würden eine Fortsetzung der Gemeinsamkeit mit Rußland vorziehen; menschlich, kulturell hat man sich jahrhundertelang aufeinander eingespielt, und für Amerika wird Georgien immer nur eine Kolonie sein.

Doch diese Frage ist, wie gesagt, jetzt nicht so wichtig. Wichtig ist, daß die derzeitige Situation ohne Blutvergießen überwunden wird; und hierzu braucht es angesichts der überwogenden Wirrnisse eine starke Hand; ganz egal, ob die von Moskau aus geführt wird oder von Washington aus.

Ohne Moskau oder Washington (oder noch besser: beide gemeinsam: um, wie es sich für Staatsführungen schickt, ohne eigene Machtansprüche einfach Unheil zu verhüten) ist da, glaub ich, eh nichts mehr zu machen; nach Beseitigung des gemeinsamen Feindes könnte es passieren, daß die vereinigte georgische Opposition wieder auseinanderrennt, um sich dann untereinander zu kloppen um das Recht, wer die Zukunft Georgiens zu bestimmen hat.

Äußerst unerquicklich, das Ganze.

Freitag, März 13, 2009

Synchronizität


Vor ein paar Tagen kommentierte ich in vorliegendem Blog die sogenannte „Krise“. Beim Erwähnen derjenigen, die trotz des allmählichen Wegfallens der Krücken nicht dazu kommen, sich selbst zu orientieren und gemeinschaftsfähig zu werden, erwähnte ich zunächst, neben dem Abwandern in Kriminalität und den Verstand verlieren, auch noch Selbstmord, Alkoholismus, Amoklauf. Überlegte dann hin und her, ob ich das wohl so stehen lassen kann und befand schließlich, daß es wohl besser ist, das wegzulassen; gehört ja eh alles zur Sparte „den Verstand verlieren“; einfach zu makaber, det alles auch noch extra zu erwähnen.
Es wurde dann aber trotzdem makaber, weilnämlich sich später herausstellte, daß ungefähr um die Zeit, als ich überlegte, ob ich in diesem Zusammenhang den Amoklauf erwähnen soll, im deutschen Winnenden in Zusammenhang mit einem solchen die Hölle los war.
Ob makaber oder nicht: ich vermute, daß das nun immer öfter passieren wird; auch unter den Begüterten und zunächst noch abgesicherten. Bei den nicht abgesicherten passiert es, unter anderem, aus Verzweiflung, weil sie immer weniger Chancen sehen zu einem materiell relativ abgesicherten menschwürdigen Leben; bei den materiell abgesicherten, weil sie unter Umständen trotzdem das Gefühl haben, daß irgendwas nicht stimmt; und wer außer seiner materiellen Absicherung keine Problembereiche sehen kann und somit nicht weiß, wo und wie suchen (höchstens, daß er via psychologische oder psychiatrische Behandlung seinen Seelenfrieden wiederherstellen will), gerät unter Umständen in Verzweiflung und verliert die Kontrolle.
Wir gehen lustigen Zeiten entgegen…
Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter
https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf
anschauen und/oder herunterladen kann.
Aus dem Vorspann
"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.
Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.
Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Donnerstag, März 12, 2009

Aktivitäten der Georgischen Opposition

(für ein paar informationshungrige Freunde übersetzte ich nachfolgenden Artikel auf die Schnelle aus dem Russischen ins Deutsche. Für allfällige weitere Informationshungrige sei er hiermit auch öffentlich zugänglich gemacht)

„Entweder Georgien, oder dieses Regime“
Die Georgische Opposition rüstet sich für den zweiten Frühlingsmonat zum entscheidenden Schlag gegen Michail Saakaschwili.

Dmitiri Alexandrov, Tbilissi
Aus der Zeitschrift «Взгляд»; Übersetzung aus dem Russischen; Original siehe
http://vz.ru/politics/2009/3/10/263522.html


Das Datum für den Beginn der Protestaktionen in Georgien ist festgesetzt: der 9. April. Die Gegner des Saakaschwili-Regimes planen, den Angriff auf breiter Front zu beginnen. „Der Präsident kann sich nicht einmal vorstellen, was er für einen Schlag zu gewärtigen hat“, - sagte der ehemalige Minister Georgij Chaindrawa. Er gab zu verstehen: sowohl in der Opposition wie auch in der Umgebung von Saakaschwili ist man sich bewußt, daß mit Amtsantritt von Obama das derzeitige Oberhaupt von Georgien nicht mehr mit vorbehaltloser Unterstützung seitens Washington zu rechnen hat; weswegen ein harter Kampf zu erwarten ist.

Die Vorbereitungstreffen haben bereits begonnen; während der vergangenen Feiertage wurden überall in der gesamten Republik solche Versammlungen abgehalten.

„Die gesamte zivilisierte Welt wartet auf den Tag, da die georgische Gesellschaft auf legalem Wege Michail Saakaschwili in den Ruhestand schickt“ – sagte der einstige Minister für Konfliktbereinigung Georgi Chaindrawa.

Laut seinen Worten bereitet die Opposition sich in solchem Maße ernsthaft vor, „daß der Georgische Präsident sich nicht vorstellen kann, welchen Schlag er zu gewärtigen hat. Der 9. April wird der Rubikon sein: entweder Georgien, oder dieses Räuberregime, “ erklärte Chaindrawa.

Die Opposition wird auf breiter Front angreifen. Der radikale Flügel der „Vereinigten Opposition“ bringt seine Anhänger auf die Straße. Die „Allianz für Georgien“ des einstigen UNO-Vertreters Irakli Alasania sammelt Unterschriften in der Bevölkerung für den Rücktritt des Präsidenten.
Das „Volksforum“ verspricht die Arbeit der staatlichen Strukturen zu blockieren. Die Labour-Partei, die fünf Abgeordnetenmandate hat, versucht, im Parlament ein Impeachment zu organisieren.

Der zur Opposition übergewechselte Chaindrawa hat angedeutet, daß seit dem Regierungswechsel in den USA Saakaschwili nicht mehr auf vorbehaltlose Unterstützung Washingtons rechnen kann.

Um Saakaschwili abzusetzen kann Irakli Okruaschwili aus Paris zurückkehren, der vor einem Jahr in Frankreich politisches Asyl erhielt. Unter jenem Präsidenten, der durch die „Rosenrevolution“ an die Macht kam, hatte Okruaschwili es geschafft, drei Ministerien vorzustehen – dem Innenministerium, dem Verteidigungsministerium und dem Wirtschaftsministerium.

Eben Okruaschwili hat im Herbst in aller Offenheit den Angriff gegen Saakaschwili eingeleitet, welcher dann zum Zusammenschluß der oppositionellen Kräfte führte. Damals, am 7. November, hat die Staatsmacht die Versammlungen brutal zerschlagen, und Okruaschwili gilt bis zum heutigen Tag in Georgien als Gesetzesbrecher.

„Okruaschwili kommt noch vor dem 9. April zurück, wenn in Georgien eine ernsthafte Protestbewegung losgeht“ – versprach Chaindrawa.
Entschlossen gestimmt ist auch Levan Gachechiladse, der Führer der „Vereinigten Opposition“, welcher Saakaschwili und seiner Umgebung insgesamt den Rat gab, „aus dem Land zu fliehen“, um sich zu retten.

„Am 9. April beginnen permanente Straßenaktionen und eine Konsolidierung der Gesellschaft. Schwer zu sagen, wann diese Aktionen zu einem Abschluß kommen, da die Staatsmacht in Georgien nicht adäquat zu reagieren pflegt. Wir werden siegen, aber ich könnte im Moment nicht sagen, um welchen Preis. Saakaschwili hat für seinen Rücktritt einen hohen Preis angesetzt. Es wird Heldenmut brauchen und Beispiele persönlicher Opferbereitschaft, damit Saakaschwili von seiner Macht abläßt, “ sagte Gachechiladse.

Trotz des von der Opposition eingeleiteten Beschusses lehnt die Staatsmacht es kategorisch ab, neue Wahlen anzusetzen, indem sie erklärt, dazu sei unter den derzeitigen in Georgien herrschenden Bedingungen nicht der richtige Zeitpunkt.

Um die Stimmung der Bevölkerung zu sondieren haben die Oppositionellen ihrerseits fünf Tage lang in Tbilissi Unterschriften gesammelt von Menschen, die bereit sind, an den Protestaktionen teilzunehmen. Es kamen 48.347 Unterschriften zusammen. Am 10. März begann die Unterschriftensammlung in der Provinz und wird, bis zum 13. März, in 16 Städten durchgeführt.
Diejenigen, die bereit sind zu zivilem Ungehorsam hinterlassen ihre Namen, Nachnamen und Telefonnummern: damit niemand an ihrer Position zweifle.

Die Zeitung „Resonansi“ befragte 950 Personen bezüglich der Taktik der Opposition gegen den Präsidenten Michail Saakaschwili. Zwei Drittel der Befragten unterstützten die Durchführung der Aktionen als effektivste Methode, 13% sprachen sich für ein Referendum aus, die übrigen – für die Schaffung von Bürgerkomitees, oder waren vorerst noch ohne Meinung.

Eine andere Tifliser Zeitschrift, „Kviris Palitra“, versuchte, den Popularitätsgrad Saakaschwilis festzustellen. 661 Personen nahmen Teil an der Untersuchung dieser Wochenzeitschrift, welche die Frage stellte: Wen oder was kann Georgien zum gegebenen Zeitpunkt als sein würdigstes Wahrzeichen betrachten?

Am höchsten bewertet wurden die Vertreter der Intelligenz (6,49%); an zweite Stelle kamen die Massenmedien (6,11%); an dritter Stelle – die Opposition (5,04%). Der Präsident Saakaschwili kam, mit 2,91%, an siebter Stelle, als vorletzter, vor der Regierung mit 1,25%.
Saakaschwili hat es jetzt nicht leicht. Am Tag vorher ließ man ihn in einem Tifliser japanischen Restaurant nicht in Ruhe Abendbrot essen.

Oppositionelle Demonstranten aus der Bewegung „7. November 2007“ erschienen im Restaurant und skandierten: „Mischa – ins Gefängnis!“ Aufnahmen von dieser Aktion wurden von dem kleinen Fernsehsender „Maestro“ ausgestrahlt. Es war zu sehen, wie die Polizei die Demonstranten auseinanderjagte; doch die lassen nicht locker. Und versprechen die Aktionen fortzusetzen, damit Saakaschwili nicht in Ruhe legen, schlafen und essen kann.
„Der Präsident soll nicht in teuren Restaurants essen, wenn das Land hungert“, sagte der Aktivist dieser Bewegung Dachi Zaguria.

Auch die Staatsmacht bereitet sich auf die Aktionen vom 9. April vor. Die Mitglieder der Spezialeinheiten sind in aktivem Training. Laut Angaben der Medien will man auch die Armee hinzuziehen. Weswegen in Armeekreisen die Unzufriedenheit wächst. Am Dienstag wurden Nachrichten veröffentlicht, laut denen der Verteidigungsminister David Sicharulidse die Absicht hat, sein Amt niederzulegen wegen des Drucks von seiten der regierenden „Einheitlichen nationalen Bewegung“.

In diesen Tagen wurde Wladimir Chachibaja seines Postens als Stabschef enthoben und zum ersten Stellvertreter des Verteidigungsministers ernannt. Als Grund wurden Schritte seitens des stellvertretenden Ministers Bacho Achalai genannt, welcher im Namen der herrschenden Partei sich um die Armeeangelegenheiten kümmert.

Laut Angaben der Medien und von Experten legte Chachibaja sein militärisches Amt eben aus dem Grunde nieder, weil er eine Beteiligung der Armee beim Zerschlagen von Protestaktionen nicht wünschte.

Mittwoch, März 11, 2009

Die Krise


♦♦♦
Die Krise ist da.
Für Journalisten ist das gut, da man endlich mal wieder wat hat, worüber man jeden Tag schreiben kann, um ehrlich seine Brötchen zu verdienen; und auch für das die Massenmedien konsumierende Publikum isses gut, da nach all dieser auswegslosen Sattheit endlich mal ein Grund besteht, sich ehrlich Sorgen zu machen.
Ich selbst mach mir weiter keine Sorgen; für unsereinen, die wir in keine Schubladen reinpassen, wird es vermutlich auch weiterhin mühsam sein, uns durchs Leben durchzuschlagen; aber da man det so gewohnt ist, wird sich für uns denn nicht viel ändern.
Dafür stimmt jene „Krise“ mich eher optimistisch:
Da nämlich nunmehr die Säulen des Gewohnten offenbar nicht mehr so recht tragen wollen, da immer mehr in behaglichem Wohlstandsschlummer vor sich hin vegetierende Zeitgenossen erleben müssen, wie ihnen der Teppich unter den Füßen weggezogen wird – besteht doch immerhin eine leise Chance, daß manche oder gar viele anfangen, all die Selbstverständlichkeiten, in welche sie bislang eingekerkert waren, zu hinterfragen? Daß sie beweglicher werden? Daß sie, statt gedankenlos nachzuplappern, plötzlich anfangen zu denken? Daß darüber alle möglichen Seifenblasen platzen, in glitzerndem Prunk daherstolzierende Könige plötzlich nackt dastehen? Daß die Sicht frei wird und der Wille aufkommt, in echter Gemeinsamkeit sinnvolle Fortsetzungen zu finden?
Könnte doch immerhin sein… Die Mehrzahl unserer „zivilisierten“ Zeitgenossen war offensichtlich nicht willens, die Wände ihres erbärmlichen Behagens zu hinterfragen; dafür schufen sie, befangen in ebenselbigem Behagen, Bedingungen, welche ebendiese Wände nun wohl zerschlagen werden. Det scheint so in der Natur der „Sache“ (die zu ihrem lebendigen Funktionieren, scheint's, auf denkendes und gemeinschaftsfähiges Volks angewiesen ist) zu liegen, daß der aus unselbständigen Menschen sich zusammensetzende soziale „Organismus“ als Leiche früher oder später zerfallen muß.
Wenn nun der Zerfall der gewohnten tragenden Wände und Krücken so weitergeht, werden wohl nicht alle zum Denken kommen; vermutlich werden immer mehr brave ehrliche Bürger, da sie auf „richtig ehrlichen“ Wegen nicht mehr weiterkommen, in ehrlicher Kriminalität weitermachen; andere werden ehrlich den Verstand verlieren; und was es noch alles so gibt.
Aber eine Chance für einen sinnvollen Neuanfang ist immerhin mal gegeben.
Sehen wir denn mal, wie det sich so weiterentwickelt.
Prost
Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter
https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf
anschauen und/oder herunterladen kann.
Aus dem Vorspann
"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.
Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.
Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Dienstag, November 25, 2008

Unbekannte Götter



Nach versehentlichem Einschalten des Yahoo-Messenger...
In der Schlagzeile der frei Haus mitgelieferten Nachrichtenseite erfahre ich: „Veronica Ferres und Ehemann Martin Krug trennen sich“.

Wobei ich weder eine Ahnung habe, wer Veronica Ferres ist noch wer Martin Krug. Hör bzw. les die Namen zum ersten Mal.


Ob ich mich wohl besser zurechtfinden würde, wenn ich det wüßte? Ich weiß es nicht.

Prost

Samstag, September 06, 2008

Auf- und Abschwüngliches


Auf der ZDF-Nachrichtenseite vorbeigeschaut.
Interessante Kombination:

Zum Einen: "Baguettes in der Steuerfalle". ("Bäcker in ganz Deutschland sind offenbar wegen des Verkaufs von belegten Brötchen im Visier der Steuerfahnder")
Zum Anderen: Die in den deutschen Nachrichten in letzter Zeit häufig erwähnte Angst vor Rezession und Verarmung.

Aber das ist doch interessant:

Wie soll man von Menschen, die man solcherart von bürokratischen und finanzamtlichen Fettnäpfchen umstellt, dass sie sich kaum noch zu bewegen trauen, irgendwelche der Rezession entgegenwirkende Initiative erwarten?

Doch naiv; oder?

Nachbemerkung:

 Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

Aus dem Vorspann:
"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.
Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.
Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt." 



Donnerstag, Mai 01, 2008

Migrantisches

Ein recht merkwürdiges Wort fiel mir auf, das sich da in letzter Zeit in der deutschen Sprache breitmacht: migrantisch. Von migrantischen Hintergrund geht da die Rede, von migrantischen Familien, Jugendlichen und sonstigen durch dieses Adjektiv charakterisierten Wesen & Zusammenhängen; und wäre sein Klang nicht eine solche Zumutung für das Sprachgefühl, so wäre es mir vielleicht nicht einmal aufgefallen.

Und da es mir schon mal aufgefallen ist, sei diese Notiz erstellt: als Ermahnung, es mal genauer unter die Lupe zu nehmen; vor allem auch seine Einbettung im sozialen Geschehen zu untersuchen.

Bis später

Dienstag, November 06, 2007

Vom Werden und von Gewordenem


 
(ausgelagertes aus dem wegen Spamflut ausrangierten Klamurke-Forum)
Kakerlake-4784
In dem Briefauszug „Vom Werden und von Gewordenem“ geht es also um eine gewisse mir aufgefallene Eigenart der europäischen Durchschnittsmentalität: Daß man sich nämlich darin gefällt, bereits entstandenes zu verwalten und zu genießen, jedoch keinerlei Sinn hat für Werden und Entwicklung.

Ich meine damit natürlich nicht, daß ausnahmslos alle Europäer so sind, sondern nur, daß dies mir als vorherrschende Tendenz aufgefallen ist.
 
Zudem liegt die Vermutung nahe, daß dies auch als vorherrschende Tendenz wohl nicht immer so gewesen ist; und zwar allein schon aus dem Grunde, weil in solchem Falle der ganze Überfluß an Gütern, die man mit solcher Lust am Verwalten und Genießen nun verwaltet und genießt, gar nicht möglich wäre. Allein schon die Erfindung der Dampfmaschine war ja seinerzeit etwas, was sich aus dem Felde des bereits vorhandenen herausbewegte und somit den Widerstand derjenigen, für die nur das rechtens ist, was bereits vorhanden ist und was sich leicht verwalten läßt, hervorrufen mußte. Und bekanntlich war ein solcher Widerstand auch da; aber doch nicht in solchen Maßen, wie das heute der Fall ist. (und interessant ist, wie diese technischen und wissenschaftlichen Pioniere im Überwinden dieses damals noch überwindbaren Widerstands Grundlagen schufen, die dann schließlich, als Gewordenes, ihre Eigendynamik annahmen und von notorischen Verwaltern und Nutzern in verschiedenen Kombinationen als Grundlage genutzt werden für die heutige europäische Konsum-und Zerstörungsgesellschaft).
 
Dies nur nebenbei. In jenem Text geht es mir eigentlich mehr um die soziale Entwicklung und um die Entwicklung des einzelnen Menschen; und auch das – im Rahmen eines Briefes – nur als flüchtige Skizze.

Freitag, November 02, 2007

Nachtrag zum "politischen Diskurs"

Nachfolgender aus dem einstigen Klamurke-Forum ausgelagerter Gesprächsfaden bezieht sich auf eine in der Klamurke veröffentlichte Auslassung zum Thema „politischer Diskurs“. [Da ich es müde bin, meine Zeit mit Löschen von Apothekenwerbung zu verplempern, wird jenes Forum nach Auslagerung einiger interessant scheinender Gesprächsfäden gelöscht.]

Dirk am: Mo 20 Nov 2006, 14:54
Unter dem Titel „Der politische Diskurs“ erschienen in der Klamurke einige Texte über den Unterschied zwischen normaler Sprache und politischem Diskurs. Das find ich spannend. Den Politikerjargon zum Platzen bringen schließt die Seite bisher. Das scheint mir nicht so einfach. Wäre es leicht, wäre schon geplatzt. Es sind sehr viele Fragen offen: worin unterscheidet sich diese Sprache des politischen Diskurses von der Alltagssprache? Konkret. Um welche Wörter geht es, um welche rhetorischen Figuren, welche Argumentationsmuster? Wie kann man die erkennen? Woran fällt auf, wenn sie nicht benutzt werden?

Und: welche Unterschiede bestehen zwischen den Nationen? In Deutschland versteht man unter Demokratie einen monarchistischen Obrigkeitsstaat, dessen Herrscher gewählt werden und nur befristet regieren. In den USA hingegen, bevölkert von den Nachkommen der Menschen, die die europäischen Obrigkeiten satt hatten, versteht man etwas ganz anderes darunter - und führt andere Debatten (z.B. können die Einwohner einer Gemeinde ihre Gemeindeverfassung selbst bestimmen, können, wenn sie wollen, die kommunale Verwaltung einfach abschaffen) und hat eine andere Form von Politshow.


Mir ist klar, dass es nicht um eine detaillierte Analyse jeglichen Sprechens über politische Themen gehen kann, sondern um das Phänomen politischer Diskurs im Ganzen. Aber ich sehe gerade im Kleinen das mögliche Platzen. Im Erkennenkönnen des beredten Nichts-Sagens, des Anderes-Meinens, des Anstacheln-Wollens usw. Ich denke mir, dass das bloße Bemerken einer Rhetorik, die darauf abzielt, kalkuliert Reflexe der Empörung, Begeisterung usw. zu provozieren, schon recht hilfreich wäre. Nicht die, nach Ländern sehr unterschiedlichen, Themen selbst, sondern die Frage nach den Gemeinsamkeiten des Wie.

Ein wichtiger Punkt ist schon angesprochen: der Umgang mit dem Gesichtsverlust. Das Nicht-Zugeben-Können eines Fehlers. Das genauer zu untersuchen, im Vergleich verschiedener Kulturen, scheint mir recht fruchtbar. Wobei auch hier viel hineinspielt, das nicht mit Politik zu tun hat. Dies als Beispiel. Ich habe dabei das Gefühl, dass vielleicht der Roman ein geeignetes Werkzeug wäre (zumindest pro Sprache/Land), verweise für heute aber mal nur auf ein Gedicht ...

Raymond am: Mo 20 Nov 2006, 16:31

dirk hat folgendes geschrieben:

worin unterscheidet sich diese Sprache des politischen Diskurses von der Alltagssprache? Konkret. Um welche Wörter geht es, um welche rhetorischen Figuren, welche Argumentationsmuster? Wie kann man die erkennen? Woran fällt auf, wenn sie nicht benutzt werden?


Ich glaube nicht, daß es möglich wäre, eine Auflistung von Ausdrücken, rhetorischen Figuren usw… zu erstellen, durch die der politische Jargon sich eindeutig von der normalen menschlichen Sprache unterscheidet.

Gut - es gibt Wörter, die von vornherein jargonverdächtig sind und zur Vorsicht mahnen: Völkerverständigung, prätentiös, nachhaltig, Liebe gehören dazu, und viele andere mehr; doch kommt es immer auf den Gesamtkontext an. Wenn jemand ganz lebendig und konkret das ausdrückt, was er meint, so kann er durchaus in lebendiger, inhaltsgesättigter Weise Worte benützen, die sonst in den verschiedensten Jargons plattgewalzt werden; und jemand anders kann ganz ohne jargonspezifische Ausdrücke reines Blabla von sich geben. - Das einzige, was hilft: sich ein Gespür entwickeln für Redlichkeit. Das geht nicht von heute auf morgen; und ich wüßte auch nicht zu sagen, wie man das genau macht. Und dann – Dinge, die so selbstverständlich dahingesagt werden, durchdenken. Da kann man hunderte Male über irgendwelche ihr Profil suchende Parteien lesen; und wenn man darüber nachdenkt, kommt man dazu, daß das, eben, „verschleiernder Blödsinn“ ist.

Oder Völkerverständigung: Verständigen können sich konkrete Menschen. Und wenn ich mich mit einem Menschen, der in Georgien, Rußland oder sonstwo geboren ist, gut verstehe, so denke ich nicht an Völkerverständigung, sondern, ganz einfach: mit diesem Menschen verstehe ich mich; basta. Daß wir an weit auseinanderliegenden Flecken dieser unserer Erde geboren sind kommt da gar nicht zu Bewußtsein: die „Völker“ interessieren uns nicht. – Sobald nun programmatisch von „Völkerverständigung“ gesprochen wird, so ist das für mich ein Symptom, daß es mit der Verständigung gar sehr hapert; daß es sich hier ganz einfach um eine leere Floskel handelt oder ein abstraktes Programm, in welchem irgendwelche „Macher“ sich profilieren wollen und welches zu allem möglichen führen kann, nur nicht zu Verständigung im rechten Sinn. – Dies nur als – genauer auszuführendes – weiteres Beispiel.

Es gilt, unter anderem, all diesen in der Regel unhinterfragten „verschleiernden Blödsinn“ zu durchdenken und als solchen zu entlarven. Was natürlich sehr mühsam ist, da die gesamten Massenmedien damit verseucht sind: man hat sich daran gewöhnt. Und sich aus dieser Gewöhnung herauszubefreien, ist recht mühsam (gehört zur Phänomenologie des geistig-seelischen Erstickens).

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Und: welche Unterschiede bestehen zwischen den Nationen?

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Nicht die, nach Ländern sehr unterschiedlichen, Themen selbst, sondern die Frage nach den Gemeinsamkeiten des Wie.

Ein etwas anderes Thema als das angeschnittene (wo es ja um den Unterschied zwischen politischem Jargon und lebendiger Sprache geht), aber nichtsdestotrotz hochinteressant und einer näheren Untersuchung würdig: Die charakteristischen Eigenarten des politischen Jargon über die verschiedenen Kulturkreise hin. Interessant etwa auch das leichtfertige Demokratie-Gefasel im Rußland der neunziger Jahre; oder auch das fanatische "Pluralismus" - Gerede in den russischen Emigrantenkreisen der achtziger Jahre; und so weiter.

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:
Wobei auch hier viel hineinspielt, das nicht mit Politik zu tun hat.

Eben: es geht um Sprache; und die ist universell. Rein mit Politik zu tun hat nur der politische Jargon.

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Ich habe dabei das Gefühl, dass vielleicht der Roman ein geeignetes Werkzeug wäre

Da ist was dran. Ein guter Romanschriftsteller betrachtet die Dinge von den verschiedensten Seiten, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. Man nehme etwa Solschenizyns Zyklus "Das rote Rad", in dem das Revolutionsgeschehen von den verschiedensten Seiten her ausgeleuchtet wird. (interessant in diesem Zyklus auch die Gegenüberstellung von Dumareden, Zeitungszitaten usw... und Schilderung der tatsächlichen Abläufe)

Dirk am: Mo 20 Nov 2006, 23:54

Zu einzelnen Wörtern ließe sich schon etwas sagen. Ein Beispiel ist das Wir. Dazu heute Susanne Gölitzer in der Frankfurter Rundschau: Wir und die Anderen. Über Vereinnahmen und Ausschließen.

Di 21 Nov 2006, 03:25

Ich möchte eine Frage nachtragen: wie können wir miteinander sprechen, wenn es darum geht Verabredungen zu treffen? Es muss dem Einzelnen eine Sprache verfügbar sein, seine Lage auszudrücken. Und den Vielen müssen Wege offen stehen, gemeinsame Anliegen zu verhandeln. Im ersten Fall reicht die Alltagssprache nicht zu, weil des Gespräch mit Fremden, der Sache Unvertrauen, das vermittelnde Bild erfordert. Im zweiten Fall nicht, da jeder Beteiligte versuchen wird, im Rahmen des Diskurses seinen Vorteil zu erzielen, auch mit den Mitteln der Sprache. Werden Verhandlungen von Berufs-Delegierten geführt, ist zudem deren Existenz mit im Spiel. Worauf ich hinausmöchte: was ließe sich verbessern? Wohin kann die Kritik des politischen Diskurses gehen? Ist sie Demontage? Ist eine Veränderung des politischen Sprechens ohne Veränderung der Politik möglich? - Wenn nein: welche Bedeutung hat der eigene politische Standpunkt für eine Kritik des politischen Diskurses?

Ja doch, ich denke, das ist eine Frage.

Raymond am: Di 21 Nov 2006, 06:47
[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Zu einzelnen Wörtern ließe sich schon etwas sagen. Ein Beispiel ist das Wir.

Das "Wir" ist natürlich ein sehr verdächtiges Wort; tun wir es denn zu oben angeführten Beispielen der verdächtigen Wörter hinzu. Ob es politisierender oder sonstwie sektiererischer Jargon ist hängt aber, wie auch bei den übrigen angeführten Beispielen, vom Kontext ab. - Wenn ich davon erzähle, wie "wir" einen Ausflug machten, so grenze ich damit "uns" natürlich ab gegenüber all denjenigen, die keinen Ausflug machten; aber das ist ja weiter nichts besonderes; dafür erzählen wir nun denjenigen, die keinen Ausflug machten, wie es war. - Wenn ich aber nun diesen Ausflug zu einer Pilgerfahrt hochstilisiere und festsetze, daß diejenigen, die sich uns nicht angeschlossen haben, der höllischen Verdammnis verfallen, so bekommt das "wir" eine ganz andere Gewichtung. (das "wir", wo es im sektiererischen Jargon zur Anwendung kommt, unterscheidet sich von den oben angeführten paar Beispielen durch eine gewisse energische Willenskomponente: Letztere verbreiten einfach nur Nebel; das "wir" aber fordert: "schließ dich uns an, und du bist gerettet; wenn nicht - bist du verdammt"; und: "da du zu uns gehörst, hast du zu tun wie wir alle!")

Raymond am: Di 21 Nov 2006, 08:35

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

wie können wir miteinander sprechen, wenn es darum geht Verabredungen zu treffen? Es muss dem Einzelnen eine Sprache verfügbar sein, seine Lage auszudrücken. Und den Vielen müssen Wege offen stehen, gemeinsame Anliegen zu verhandeln. Im ersten Fall reicht die Alltagssprache nicht zu, weil des Gespräch mit Fremden, der Sache Unvertrauen, das vermittelnde Bild erfordert.

All dies geschieht mit den Mitteln der ganz normalen, gewöhnlichen Sprache. Was man durchschaut hat, was man sagen will, kann man in dieser, eben: ganz normalen, gewöhnlichen Sprache ausdrücken. Manche sind geschickter, geübter, das Auszudrückende in Worte zu fassen, manche weniger; aber selbst wenn sie stotternd versuchen, sich verständlich zu machen, ist das immer noch – Sprache. Wenn, sagen wir, Mitarbeiter eines landwirtschaftlichen Betriebs sich über die bevorstehende Bearbeitung eines Ackers unterhalten, so haben sie dabei mit anderen Begrifflichkeiten zu tun als andere, die etwa irgendwelche Zusammenhänge im Bereich der höheren Mathematik klären wollen; aber Landwirte wie Mathematiker bewegen sich dabei im Bereich der Sprache; und die Begriffswelt der Landwirte gehört genau der gleichen allgemeinen Begriffswelt an wie die Begriffwelt der Mathematiker. – Wenn nun ein Landwirt jemandem, der Ackerboden nicht von Sandboden unterscheiden kann, in allgemeinen Umrissen von seiner Arbeit zu erzählen hat, so wird er im Idealfall natürlich bemüht sein, sich dabei den Verständnismöglichkeiten seines Gegenüber anzupassen; aber Verständnis ist im Prinzip möglich. (und das Eindringen in neue „Begriffsfelder“ – und somit gleichzeitig Erweitern des Wortschatzes – geht nich so schnell; das erfordert unter Umständen sehr viel Zeit

Die Erfahrung zeigt, daß wir fähig sind, mit Hilfe der Sprache Verabredungen zu treffen, Situationen zu schildern usw… Warum das so ist, ist eine andere Frage; dazu müßte man sich die „Substanz“ der Sprache deutlicher vergegenwärtigen; und das ist nicht so einfach (selbst bin ich davon meilenweit entfernt; aber ich weiß, daß es sie gibt, die Substanz…)

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Im zweiten Fall nicht, da jeder Beteiligte versuchen wird, im Rahmen des Diskurses seinen Vorteil zu erzielen, auch mit den Mitteln der Sprache. Werden Verhandlungen von Berufs-Delegierten geführt, ist zudem deren Existenz mit im Spiel.

Eben hier beginnt die Verwässerung, Vernebelung. Die Zusammenhänge unverfälscht, in ihrer Reinheit zu betrachten überläßt man den Technikern (geht nicht anders, da wir sonst noch in Höhlen leben und auf Bäumen herumklettern würden); daß man in den übrigen Lebensbereichen und, vor allem, in der sogenannten „Politik“ in die Betrachtung der Dinge ganz ungeniert eigene Vorlieben und Absichten hineinmischt – betrachtet man als eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit. Und so entsteht ein allgemeines Lügengespinst welches – neben sporadisch aufbrechenden „lokalen“ Katastrophen – bei Überempfindlichen zu „geistig-seelischen Erstickungsanfällen“ führt.

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

Ist eine Veränderung des politischen Sprechens ohne Veränderung der Politik möglich?

Glaube ich nicht. In dem Maße, wie man aufhören würde zu lügen und der politische Jargon normaler, lebendiger Sprache Platz machen würde, würde sich zweifellos auch die politische (besser gesagt: soziale) Situation ändern.

Das ist eine reine Bewußtseinsfrage; wo das Bewußtsein allgemein vernebelt ist, können auch sozial nur nebulöse Zustände entstehen.

[Zitat aus dem Beitrag von Dirk]:

welche Bedeutung hat der eigene politische Standpunkt für eine Kritik des politischen Diskurses?

Mir scheint, daß man über diese "politischen Standpunkte" hinauskommen müßte (die immer was sektiererisches an sich haben und einen gegenüber der Realität abschotten). Einfach sich die Situation anschauen, versuchen zu verstehen, was eigentlich los ist und aufgrund dessen, was man erkennt, nach für die gegebene Situation gangbaren und sinnvollen Wegen Ausschau halten.

Solche Bestrebungen gibt es ja massenweise; und fast alles: außerhalb der etablierten "Politik" (ist also kein abstraktes Postulat)

Raymond am: Fr 24 Nov 2006, 08:44

[Zitat aus dem Beitrag von Raymond]:

Mir scheint, daß man über diese "politischen Standpunkte" hinauskommen müßte

Vielleicht noch ein flüchtiger erläuternder Diskurs zum „über den politischen Standpunkt hinauskommen“.

Bei mir selbst handelt es sich um ein völlig prinzipienloses Individuum; ich bin weder Monarchist noch Antimonarchist noch Demokrat oder sonstwas, und die Frage eines über den politischen Standpunkt Hinauskommens ist für mich somit nicht aktuell. Dafür fällt es mir umso leichter, die Dinge aus der Sicht eines, eben, prinzipienlosen Gesellen zu beschreiben.

Das Prinzip der Erbmonarchie, zum Beispiel, halte ich, nicht aus dogmatischem Prinzip, sondern aus prinzipiellen Erwägungen heraus, für blanken Unsinn; die verschiedenen metaphysischen, genetischen und sonstige Begründungsversuche überzeugen mich nicht.

Andererseits aber vermag ich keinen Unterschied zu sehen, ob mir das Fell über die Ohren gezogen wird unter der Oberhoheit eines in seine Machtposition hineingeborenen Monarchen oder aber unter der Oberhoheit irgendwelcher dahergelaufener karrieresüchtiger Schwafler. Und sollte irgendwo ein absolutistischer Monarch auftauchen, der wat kann und der sein Können zum allgemeinen Wohle einsetzt (nicht sehr wahrscheinlich; aber gesetzt den Fall), so würde ich für diesen einen konkreten Fall die absolutistische Monarchie als sinnvoll betrachten.

So isses.
 
Kakerlake
Findet man, zusammen mit anderen Texten aus dem thematischen Umfeld, in der Textsammlung Der politische Diskurs