Samstag, April 17, 2010

Nazimentalität

DE_E_Entmenschen

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Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein
(Goethe, Faust)

Durch künstliche Überbetonung des nationalen Moments bei der Beurteilung historischer Abläufe und aktueller sozialer Probleme entsteht nicht selten ein grob vereinfachender Schematismus, der den Blick auf die Tatsachen verfälscht und ein sachgerechtes Aufarbeiten erschwert. Ich bin kein Historiker, wage aber trotzdem zu behaupten, daß sehr vieles von der jüngeren Geschichte neu durchdacht, neu geschrieben werden müßte und daß man auch bei der Behandlung gegenwärtiger sozialer Probleme mit dem Begriff des „Nationalen“ etwas vorsichtiger sein sollte.

Noch zusätzlich verkomplizierend ist die weitverbreitete gedankenlose Gleichsetzung von Wort und Begriff. Ich bin nicht nur kein Historiker, sondern darüber hinaus auch kein Fachphilosoph, will mich denn auch hier nicht auf linguistische Spitzfindigkeiten einlassen und auch nicht auf den mehr oder weniger berühmten Universalienstreit; möchte nur, ganz banal, auf die leicht beobachtbare Tatsache hinweisen: Daß mitunter mit einem und dem gleichen Worte verschiedene Leute ganz verschiedene Dinge meinen; und daß sogar ein und derselbe Leuterich ein und das gleiche Wort zu verschiedenen Momenten mit verschiedenen Bedeutungen verwenden kann.

Bezüglich Verbrechen der Nationalsozialisten während jenes „Tausendjährigen Reichs“ etwa werden gewisse wesentliche Grundzüge teilweise verdeckt durch eine zu starre Nationalisierung der Opfer.

Da klassierte man also, als bürokratische Maßnahme, anhand einer Sammlung willkürlich konstruierter Definitionen eine große Menge Menschen als „Untermenschen“; begann, sie durch sich verstärkende entwürdigende bürokratische Schikane zu drangsalieren; und schließlich machte man sich daran, sie, gleichfalls streng bürokratisch organisiert, physisch zu vernichten.

Das waren, wohl zu einem großen Teil Leute, die ganz normal im deutschen Alltag integriert waren, ihr Leben lebten, ihrer Arbeit nachgingen und keine Ahnung hatte, daß sie „anders“ sein könnten. Deutsche halt, wie alle ringsum. Etwa – um ein extremes Beispiel zu nennen; doch ähnliche Beispiele gibt es viele – jener Viktor Klemperer, im Gegensatz zu den ihm nach dem Leben trachtenden „Herrenmenschen“ ein überzeugter und überzeugender Vertreter ursprünglicher deutscher Kultur. Die meisten dieser amtlich ins Abseits Abgedrängten wurden zu „Juden“ ernannt und ganz besonders schlimm drangsaliert. – Hier gilt es nun, eben, zu unterscheiden zwischen Wort und Begriff. Nämlich wird, wie oben bereits angedeutet, oft übersehen, daß beides nicht untrennbar zusammengehört und daß verschiedene Leute mit einem und dem gleichen Wort ganz verschiedene Begriffe verbinden. Ein Nazi oder sonstwie gefärbter Antisemit verbindet mit dem Wort „Jude“ einen ganz anderen Begriff (oder auch bloß „emotionalen Komplex“) als das Mitglied einer jüdischen Gemeinde oder auch jemand, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel, auf amtlichem Wege plötzlich erfährt, daß er aufgrund irgendwelcher Vorfahren „Jude“ ist und „Untermensch“. Und der emotional tingierte „Judenbegriff“ des Antisemiten wird schon wieder ein ganz anderer, wenn er sich in ein blutleeres bürokratisches System verkörpert. All diese amtliche Definitionen, die Klassierungen in „Jude“, „Halbjude“, mitsamt den ganzen Mischformen, „Asozialer“ und so weiter waren letztendlich völlig willkürlich gefaßt und boten den zuständigen Beamten ein weites Feld für vergnügliche Knobeleien, um zu bestimmen: in welchem Grade ihre einzelnen Opfer als Untermenschen zu betrachten sind, welchen Drangsalierungen man sie zu unterziehen hat, ob und wann und wie man sie umbringen soll (durch welchselbige vergnügliche Knobeleien man sie vermutlich auch davon abhielt, während der Arbeitszeit Kreuzworträtsel zu lösen).

Daß man diese Unmengen an Menschen, die von jenem Unrechtssystem entwürdigt, eingesperrt, ermordet wurden, nun nachträglich nach den verschiedensten Gesichtspunkten in verschiedene Gruppierungen unterteilt und dabei vor allem die besonders stark in Mitleidenschaft gezogene Kategorie der „Juden“ erwähnt, ist natürlich gerechtfertigt; bloß übersieht man bei einer Überbetonung dieser Einteilung leicht mal das Wesentliche an der Sache, und zwarnämlich:

Daß es sich um Menschen handelte, die durch Maßnahmen des Staatsapparates, nach von ihrem jeweiligen persönlichen Verhalten unabhängigen Kriterien entwürdigt, ins Abseits gedrängt, vernichtet wurden. Daß der Staatsapparat sich anmaßte, Menschen, zum Beispiel, aus bestehenden Arbeitszusammenhängen herauszureißen, um sie in jenen „Arbeit macht frei“ – Stätten zusammenzupferchen, wo sie unter der Aufsicht analphabetischer Wärter auszuführen hatten, was man offiziell als „Arbeit“ definiert hatte.

Daß jener Staatsapparat sich anmaßte, rein bürokratisch zu verwalten, wer in seinem Herrschaftsbereich das Recht auf Leben hat und wer nicht, geht sogar für streng Staatsgläubige im Nachhinein etwas zu weit. Wohlgemerkt: im Nachhinein; in der Gegenwart würden – wie ich zu vermuten wage – nicht wenige, wenn sich um sie herum ein ähnliches System mit ähnlichem Recht auf Leben oder Tod bilden würde, sich willig einfügen; vor allem natürlich diejenigen, die per Definition zu den Privilegierten gehören. Und ich wage zu behaupten: hätten die Nazis nicht versucht, durch militärische Maßnahmen die Welt zu erobern und hätten sie von einer systematischen physischen Vernichtung der als „Untermenschen“ klassierten abgesehen – so hätte man ihnen all die übrigen Verbrechen inzwischen längst verziehen, hätte det alles vielleicht von vornherein gar nicht als Verbrechen betrachtet, sondern – günstigstenfalls – als leicht problematisch.

Was nun weltweit, vor allem in den sogenannten zivilisierten Ländern und besonders griffig in ebenjenem unglückseligen Deutschland in dieser Hinsicht an Entwicklungstendenzen zu beobachten ist, ist folgendes:

Anhand eines verbogenen Arbeitsbegriffs, aus dem die Staatsmacht sich das Recht ableitet, jede in Richtung Sichnützlichmachen gehende Bewegung der in ihrem Einflußbereich lebenden zu kontrollieren und, je nachdem, zu unterbinden; sich herausnimmt, anhand immer strenger werdender sich auf Kleinigkeiten erstreckender Kontrollen die Einzelnen wie verschreckte Hasen sich ducken zu lassen, ihnen jeden Mut zu nehmen, sich noch zu rühren – werden immer größere Kreise ins materielle Elend abgedrängt und langsam, aber sicher als „Untermenschen“ abgetan.

Siehe auch einen früheren Blogeintrag, darin dieses Thema anklingt.

Eben hier äußert sich die Substanz dieses Unrechtssystems und nicht in irgendwelchen biertrinkenden und randalierenden Neonazis. Die sind zwar lästig, aber im Vergleich zum „substantiellen“ Nazitum eher harmlos.

Was soll man sonst noch dazu sagen? Sehr vieles gäbe es noch zu sagen, von diesem skizzenhaften Ansatz aus weiter zu bedenken.

Doch lassen wir det besser. Wenn man nämlich die Sache von anderen Seiten her anschaut oder, besser noch, sie überhaupt nicht erst anzuschauen versucht, so kommt man nicht umhin zu sagen, daß das Leben doch sehr schön iss und lustig. Und das iss doch allemale die Hauptsache.

Nich?

***

Prost.

♦♦♦

Nachbemerkung

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

 

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Doppelnas

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