Freitag, Juni 04, 2010

Sich tragen lassen statt sich bewegen


Natürlich verstehe ich, warum so manches Volks es vorzieht, sich bestehenden Strömungen und Bewegungen anzuschließen und sich von ihnen bewegen zu lassen, statt sich selber zu bewegen: Weilnämlich das Sichbewegenlassen viel einfacher und bequemer ist.

Mich selbst könnte sowas nicht befriedigen; und ich glaube auch nicht, daß durch solches Sichanschließen, Sichtragenlassen, Sichbewegenlassen sich ein Ausweg aus den bestehenden Sackgassen ergeben könnte.

Irgendwas lebensfähiges kann, wie mir scheint, nur aus dem freien Zusammenschluß bewußt sich selbst bewegender ergeben; alles andere schafft – so es überhaupt was schaffen kann – bloß neue Sackgassen (womit ich natürlich nicht einer Bewegung nominell sich selbst bewegender das Wort reden will; deren Resultat wäre Stagnation in höchster Potenz)

Aber andererseits: warum soll man nicht neue Sackgassen schaffen, wenn es einem in den alten langweilig wurde? Nich?

Prost.

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Mittwoch, Juni 02, 2010

Ein erfolgloser Mörder.

Ausnahmsweise wieder wat in ernsterem Tonfall.

Um jenen Gäfgen geht’s, der vor Jahren in Zusammenhang mit versuchter Geldbeschaffung jemanden umbrachte, in der Folge erwischt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Der Fall erregte damals besonderes Aufsehen, weil ihm während des Verhörs Folter angedroht wurde. Aus dieser Folter-Drohung versuchte er nun, durch einen Antrag beim Europäischen Gerichtshof juristischen Profit zu schlagen. Was aber nicht klappte:

„Teilerfolg für Gäfgen: Deutschland hat mit der Gewaltandrohung gegen den Kindermörder gegen das Folterverbot verstoßen. So hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befunden. Das Verfahren wird aber nicht wieder aufgenommen.“

(ZDF-Heute)

Ich find diesen erfolglosen Mörder nicht besser und nicht schlimmer als die Massen seiner – eingesperrten oder, meist, frei herumlaufenden – Gesinnungskollegen, die sich gewissenlos bereichern und denen es dabei egal ist, was sie im Zuge ihrer Bereicherung direkt oder indirekt ihren Mitmenschen antun. Und ich zweifle nicht daran, daß im Erfolgsfalle, das heißt: wenn er in Straßburg mit seiner Klage durchgekommen wäre, wenn man den Prozeß hätte neu aufrollen müssen und wenn die Sache mit einem Freispruch geendet hätte – er für die Presse vom erfolglosen Mörder zum erfolgreichen Macher avanciert wäre.

Zu jenem Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner, der sich der Folterdrohung schuldig machte: Die scheinheilige Hetze gegen selbigen in den Medien fand ich damals ausgesprochen ärgerlich. Die Situation war ja so, daß man zu dem Moment keine Ahnung hatte, wo sich das Opfer jenes Herrn Gäfgen befindet; man wußte nur, daß es höchste Zeit ist, diesen entführten Menschen zu finden, damit er nicht umkommt. Daß er bereits tot ist wußte man ja noch nicht. – Daß in dieser brenzligen Situation, unter Verstoß gegen elementarste Dienstvorschriften und Gesetze im Interesse des Opfers mit Folter gedroht wurde – empfand ich als einen Akt von Zivilcourage.

Ein – vielleicht etwas grobschlächtiger – Vergleich: Wenn jemand in den Fluß gefallen ist und untergeht, und ein zweiter Jemand am Ufer ist, der ihn retten will, so wird dieser Jemand im Eifer des Gefechts sich nicht lang überlegen, ob es gerechtfertigt ist, daß er bei dieser Rettungsaktion über ein Privatgrundstück hinweglaufen muß mit kategorischem „Betreten verboten“, auf dem irgendwelche vom Aussterben bedrohte Vögel nisten. Nachher wird man sich dann mit den kaputtgetretenen Gelegen beschäftigen; wobei auch niemand leugnen wird, daß es schlecht ist, daß unter verbotswidrigem Betreten eines Grudnstücks Schaden angerichtet wurde; aber man wird sich beim nachträglichen Beurteilen der Rettungsaktion doch wohl nicht ausschließlich auf die zertretenen Gelege konzentrieren. Oder vielleicht doch, da bei der heutigen Presse alles möglich ist.

Folter und auch nur Androhung von Folter haben in einem modernen Rechtsstaat nichts zu suchen; es war unumgänglich, die Sache juristisch zu verfolgen, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Das ist das Eine: Der Betreffende hat sich, mal unabhängig von den Umständen, eines groben Vergehens schuldig gemacht; es geht nicht anders: er muß sich dieser Verantwortung stellen. Einverstanden. Nicht einverstanden war ich mit dem übelkeitserregenden Medienrummel, der die ganze Angelegenheit in stinkige Nebelschwaden tauchte.

Ein möglicherweise prinzipiell unlösbares Dilemma, das bei fairem und sachlichem Verhalten der Massenmedien aber vermutlich etwas anders ausgeschaut hätte.

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Dienstag, Juni 01, 2010

Wirbelvereinigung

Голубь на фоне бикини

(Obiges Foto zeigt weder den Köhler noch die Lena.
Das heißt, die Frau im gelben Bikini kenn ich nicht; sollte jene Lena am 12. Juli des Jahres 2008 in Odessa in einem gelben Bikini sich am Strande aufgehalten haben, so wäre nicht auszuschließen, daß sie das ist)

♦♦♦

Es gibt zur Zeit in Deutschland unabhängig voneinander zwei starke Wirbel um zwei Personen: Zum Einen – einen Wirbel um eine in Deutschland lebende Lena, von der eine mir unbekannte Jury festgesetzt hat, daß sie gut singen kann und eine bedeutende Persönlichkeit ist. Zum Andern – einen Wirbel um einen gewissen Herrn Köhler, der von einem hohen Posten zurücktrat und die geplagten Deutschen zwingt, nach einem Nachfolger zu suchen.

– Das alles geht mich zwar nix an; aber ich frag mich doch, warum man diese beiden Wirbel nicht einfach vereinigt? Wenn jene Lena schon eine so bedeutende Persönlichkeit  ist - soll sie doch einfach jenen leerstehenden Posten einnehmen, und das Problem ist gelöst?

♦♦♦

Der Vorteil einer solchen Lösung bestünde unter anderem darin, daß die Betreffende, statt Ansprachen zu halten, die niemanden interessieren und bei denen man trotzdem leicht mal was falsch machen kann, einfach ein Liedchen trällern könnte.

Natürlich läuft man dabei Gefahr, daß plötzlich eine andere amtlich anerkannte Jury auftaucht, die verbindlich festsetzt, daß die Lena doch nicht so gut singen kann und keine so bedeutende Persönlichkeit ist wie von der ersten Jury festgestellt.

Doch damit muß man leben. Was immer man tut – Gefahren lauern überall.

♦♦♦

 

Nachbemerkung Oktober 2015

Zum Glück trat ich mit obigem Vorschlag damals nicht an die große Öffentlichkeit.

Hätte man nämlich im Sinne selbigen Vorschlags die Lena zur deutschen Bundespräsidentin gemacht, so hätte es keine Wulffiade gegeben, und die deutschen Journalisten wären dazu verdammt gewesen, sich nach sonstigen unterhaltsamen Themen umzusehen.

Doch vielleicht hätte man auch mit der Lena irgendwelchen publikumswirksamen Skandal inszenieren können; wer weiß.

♦♦♦

Wie dem auch sei: Es ist gelaufen, wie es nun mal gelaufen ist; so oder so kann man nichts mehr ändern.

Doppelnas_bew

 

Sonntag, Mai 23, 2010

Über bewußtes Verblöden

Вход в какое-то подземельное царство
 
Vor kurzem korrespondierte ich mit einem Freund, der mir davon berichtete, daß jemand ihn zu Facebook eingeladen hat. Er schrieb, daß er die Einladung angenommen hat und daß er keine Ahnung hat, was er da soll. - Ich selbst bin schon lange bei Facebook; auch deshalb, weil jemand mit eingeladen hatte; und was ich da soll, wußte ich auch nicht.
 
Unsere Korrespondenz machte mich neugierig; und ich begann, dieses Facebook mal genauer unter die Lupe zu nehmen.
 
Unter anderem probierte ich aus, wie man dortselbst eine Gruppe gründet. Das ging ganz leicht; und seitdem existiert bei Facebook die Gruppe „Anonyme Kanalisationsbewohner“.
 
Doppelnas
 
 Womit wir, nach dieser kurzen Einleitung, beim eigentlichen Thema dieses Eintrags angelangt wären.
 
Ein Tätigkeitsbereich für diese neugegründete Gruppe war schnell gefunden und ausformuliert; und zwar lautet das nun:
“Unser Ziel ist die Entwicklung ehrlicher, aufrechter Dämlichkeit, wie sie sich in unseren schwierigen Zeiten ins Kraut schießender maskierter Dummheit nur in der Unterwelt entfalten kann.”
Unvorhergesehenerweise kam es in dieser Gruppe dann sogar zu einer gewissen Aktivität; und im Weiteren entstand der Eindruck, daß ich manches Volks, das mich früher noch halbwegs ernst nahm, durch selbige Gründung leicht verunsichert hatte.
 
In einem Forumbeitrag versuchte ich etwas später, das Gruppenziel in ernsterem bzw. in halbernstem Tonfall noch genauer zu umreißen:
“Die Welt, in der wir leben, wird immer verrückter und absurder; und das Absurdeste an der ganzen Sache besteht darin, daß nur die wenigsten die ganze Tiefe der Absurdität erfassen können und daß es sogar noch immer genügend solche gibt, die überhaupt nix merken. – Wir aber, die uns noch einen Rest an Bewußtheit bewahrt haben, wollen unser Schicksal nun selbst in die Hand nehmen, die Absurdität aus ganzem Herzen erkennend bejahen und bewußt verblöden. Denn ein Zurück zum gesunden Menschenverstand gibt’s nicht mehr; dazu ist alles bereits zu verfahren.”
Was, wie ich merkte, einige wenige, die das lasen, in tiefste Verwirrung stürzte.
 
Die Wurzeln jener Verwirrung seh ich natürlich; aber sie in ebenselbigem Forum aufzuzeigen wäre ein Stilbruch. Deshalb tu ich das, ganz egal für wen, hier an diesem Orte.
 
Bewußtes Verblöden ist nämlich, rein vom Prinzip her, gar nicht möglich. Denn in dem Moment, wo ich meine eigene Blödheit unter die Lupe nehme, hört automatisch alles Verblöden auf. Zu anderen Momenten mag ich so blöd sein wie auch immer; aber eben dort, wo ich meiner eigenen Blödheit als solcher bewußt bin und sie in ihren Verästelungen, in ihrem Sein ausmachen kann, bin ich es nicht.
 
So daß das Gruppenziel, wie ich es formuliert habe, ein Widerspruch in sich ist; und wer sich noch ein leises Gespür bewahrt hat für Realität und jenen Widerspruch nicht sofort schnallt, kann durch selbige Formulierung in Verwirrung geraten.
Wer seine eigene Blödheit unter Kontrolle hat, dem steht es natürlich frei, für sich und unter seinesgleichen seine gedankliche Freiheit zu genießen und nach außen hin weiter den Blödmann zu spielen; sogar, nach Lust und Laune, sich noch blöder zu geben, als er vorher war; warum nicht? – Und die Absurdität, nachdem man sie als solche erkannt hat, bejahen, bedeutet ganz einfach: darüber lachen.
 
Prost
Raymond
Doppelnas
 
p.s.: So langsam komm ich dazu, solche Leute wie den Eulenspiegel zu verstehen. Tiefschürfende Analysen – selbst wo sie wirklich tiefschürfend sind – bringen uns nicht mehr weiter; unsere Zeitgenossen sind im Allgemeinen zu verkopft, als daß sie noch etwas verstehen könnten. Einfach etwas umrühren; ob es wem hilft oder nicht iss egal; als Mindestes hat man selbst seinen Plausch daran.
Nochmal:
Prost

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Donnerstag, Mai 13, 2010

Zwei Gründe des Verstummens

[eine vor ca. einem Jahr getippte und bereits sonstwo veröffentlichte Notiz, die, damit die Sache nicht zum Stillstand kommt, nun auch hier veröffentlicht sei. – Vielleicht geht es diesem oder jenem, dieser oder jener ähnlich. So es sie gibt: Seid gegrüßt!]
***
Eigentlich bin ich sehr langsam im Verstehen; aber was ich verstehe, verstehe ich verhältnismäßig gründlich. – Dank dieser Langsamkeit ließen sich auch verschiedene gefühlsmäßige Begleiterscheinungen bei der Entwicklung von erstem unbestimmtem Ahnen bis zum plastischen begrifflichen Erfassen von Zusammenhängen beobachten.
Im Bereich des „Studiums der Phänomenologie des geistig-seelischen Erstickens“ bzw. der „chemischen Analyse des Unbehagens“ sieht das, im Allgemeinen, wie folgt aus:
Die erste unbestimmte Ahnung, daß in irgendeinem Bereich irgendwas nicht stimmt, ist begleitet von dumpfem, unbestimmtem Schmerz (wieauch eben dieser dumpfe unbestimmte Schmerz den Anlaß abgibt, die Sache näher in Augenschein zu nehmen); und zum „Ausgangsschmerz“ ob der unbestimmten Unstimmigkeit kommt der zusätzliche Schmerz ob der Unbestimmtheit: darob: daß ich nicht verstehe, was los ist; daß ich weder mir selbst noch anderen klarmachen kann: was nicht stimmt und nur weiß: daß irgendwas nicht in Ordnung ist: der Schmerz also ob meines im Nichtverstehen begründeten Stummbleibenmüssens.
Wenn ich die Sache dann plastisch habe, wird auch der Schmerz plastischer; und der von der Unbestimmtheit herrührende Zusatzschmerz wird dann nicht selten beziehungsweise in der Regel ersetzt durch den Schmerz darob, daß ich sehen muß, wie von mir plastisch als Unsinn oder Absurdität erkanntes von meinen Zeitgenossen als normal und unbedingt richtig hingenommen wird; und auch daß: obwohl ich nun in der Lage bin, in begrifflich klarer Sprache darzustellen, was genau nicht stimmt, ich mich trotzdem nicht verständlich machen kann: weil nämlich kaum jemand versteht, was ich sage; daß das Stummbleiben infolge Nichtverstehens gewissermaßen abgelöst wird durch das Stummbleiben infolge Verstehens.
***
Eben.
Diesen Text findet man in dem Sammelband

"Einblicke in Abwege"




Samstag, Mai 08, 2010

Resignation

Wenn ich mich etwas anstrengen würde, ließen sich vielleicht irgendwelche Gedanken entwickeln, ließe sich noch nicht Gesagtes zur Sprache bringen.

Doch ich will mich nicht anstrengen. Wozu? Für wen?

Wie Freund Friedrich seinerzeit ganz treffend seinem Kummer Luft machte:

„Daß ihr Bestes doch gar so klein ist! Daß ihr Bösestes doch gar so klein ist!“

Eben.

Ganz entspannt hinlegen möchte ich mich und einfach bloß zugucken, wie die Sache dem Abgrund entgegenrutscht. Wie det wohl aussehen wird, wenn der Höhepunkt der Abgrundfahrt erreicht ist?

Leicht beunruhigend bloß, daß man in diese rutschende Masse irgendwie mit eingeschlossen ist.

Doch – was kann man tun? Nix kann man tun.

Wenn man vor lauter Fortschritt nicht auch noch das Lustigsein verlernt hätte, könnte man die Abgrundfahrt wenigstens etwas lustiger gestalten. Ästhetisierung des Weltuntergangs…

Doch nicht einmal das ist möglich.

Am besten wohl schlafen….

Prost

Sonntag, April 18, 2010

Computerasche?

"Die Schließung des Luftraums erfolgte ausschließlich aufgrund der Daten einer Computersimulation beim Vulcanic Ash Advisory Centre in London" – "Es ist in Deutschland noch nicht mal ein Wetterballon aufgestiegen, um zu messen, ob und wie viel Vulkanasche sich in der Luft befindet."

So zu lesen auf der ZDF-Site unter „Kritik an der Schließung der Flughäfen“.

Wenn det stimmt, muß man davon ausgehen, daß die erfrischende Macht unverdorbener Naturgewalten wieder durch den altvertrauten Nebel menschlicher Unzulänglichkeit ersetzt wurde.

Falls es tatsächlich so ist, daß man, unbehelligt von Fakten, aufgrund irgendwelcher Vorgaben den Computer vor sich hin modellieren läßt, um dann aufgrund dessen, was er ausspuckt, weitreichende Entschlüsse zu fassen - so erinnert det gar sehr an die gute alte Zeit der Scholastik; nur, daß die ollen Scholastiker noch selber deduzierten, während man heute das Denken dem Computer überläßt.

Aber andererseits: Was soll man tun? Läßt man die Flugzeuge fliegen, und es geht was schief, so kommen sofort irgendwelche Staatsanwaltschaften und suchen nach Schuldigen. Und finden sie natürlich, da im Prinzip immer jemand schuldig sein muß. Und die Presse, die heute über das ungerechtfertigte Schließen des Luftraums schimpft, kann morgen ohne Übergang über das ungerechtfertigte Freigeben des Luftraums schimpfen.

Doch wiederum andererseits: ein bißchen um Fakten könnte man sich schon kümmern.

Eben.

Prost.
Raymond

Samstag, April 17, 2010

Nazimentalität

DE_E_Entmenschen

♦♦♦

Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein
(Goethe, Faust)

Durch künstliche Überbetonung des nationalen Moments bei der Beurteilung historischer Abläufe und aktueller sozialer Probleme entsteht nicht selten ein grob vereinfachender Schematismus, der den Blick auf die Tatsachen verfälscht und ein sachgerechtes Aufarbeiten erschwert. Ich bin kein Historiker, wage aber trotzdem zu behaupten, daß sehr vieles von der jüngeren Geschichte neu durchdacht, neu geschrieben werden müßte und daß man auch bei der Behandlung gegenwärtiger sozialer Probleme mit dem Begriff des „Nationalen“ etwas vorsichtiger sein sollte.

Noch zusätzlich verkomplizierend ist die weitverbreitete gedankenlose Gleichsetzung von Wort und Begriff. Ich bin nicht nur kein Historiker, sondern darüber hinaus auch kein Fachphilosoph, will mich denn auch hier nicht auf linguistische Spitzfindigkeiten einlassen und auch nicht auf den mehr oder weniger berühmten Universalienstreit; möchte nur, ganz banal, auf die leicht beobachtbare Tatsache hinweisen: Daß mitunter mit einem und dem gleichen Worte verschiedene Leute ganz verschiedene Dinge meinen; und daß sogar ein und derselbe Leuterich ein und das gleiche Wort zu verschiedenen Momenten mit verschiedenen Bedeutungen verwenden kann.

Bezüglich Verbrechen der Nationalsozialisten während jenes „Tausendjährigen Reichs“ etwa werden gewisse wesentliche Grundzüge teilweise verdeckt durch eine zu starre Nationalisierung der Opfer.

Da klassierte man also, als bürokratische Maßnahme, anhand einer Sammlung willkürlich konstruierter Definitionen eine große Menge Menschen als „Untermenschen“; begann, sie durch sich verstärkende entwürdigende bürokratische Schikane zu drangsalieren; und schließlich machte man sich daran, sie, gleichfalls streng bürokratisch organisiert, physisch zu vernichten.

Das waren, wohl zu einem großen Teil Leute, die ganz normal im deutschen Alltag integriert waren, ihr Leben lebten, ihrer Arbeit nachgingen und keine Ahnung hatte, daß sie „anders“ sein könnten. Deutsche halt, wie alle ringsum. Etwa – um ein extremes Beispiel zu nennen; doch ähnliche Beispiele gibt es viele – jener Viktor Klemperer, im Gegensatz zu den ihm nach dem Leben trachtenden „Herrenmenschen“ ein überzeugter und überzeugender Vertreter ursprünglicher deutscher Kultur. Die meisten dieser amtlich ins Abseits Abgedrängten wurden zu „Juden“ ernannt und ganz besonders schlimm drangsaliert. – Hier gilt es nun, eben, zu unterscheiden zwischen Wort und Begriff. Nämlich wird, wie oben bereits angedeutet, oft übersehen, daß beides nicht untrennbar zusammengehört und daß verschiedene Leute mit einem und dem gleichen Wort ganz verschiedene Begriffe verbinden. Ein Nazi oder sonstwie gefärbter Antisemit verbindet mit dem Wort „Jude“ einen ganz anderen Begriff (oder auch bloß „emotionalen Komplex“) als das Mitglied einer jüdischen Gemeinde oder auch jemand, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel, auf amtlichem Wege plötzlich erfährt, daß er aufgrund irgendwelcher Vorfahren „Jude“ ist und „Untermensch“. Und der emotional tingierte „Judenbegriff“ des Antisemiten wird schon wieder ein ganz anderer, wenn er sich in ein blutleeres bürokratisches System verkörpert. All diese amtliche Definitionen, die Klassierungen in „Jude“, „Halbjude“, mitsamt den ganzen Mischformen, „Asozialer“ und so weiter waren letztendlich völlig willkürlich gefaßt und boten den zuständigen Beamten ein weites Feld für vergnügliche Knobeleien, um zu bestimmen: in welchem Grade ihre einzelnen Opfer als Untermenschen zu betrachten sind, welchen Drangsalierungen man sie zu unterziehen hat, ob und wann und wie man sie umbringen soll (durch welchselbige vergnügliche Knobeleien man sie vermutlich auch davon abhielt, während der Arbeitszeit Kreuzworträtsel zu lösen).

Daß man diese Unmengen an Menschen, die von jenem Unrechtssystem entwürdigt, eingesperrt, ermordet wurden, nun nachträglich nach den verschiedensten Gesichtspunkten in verschiedene Gruppierungen unterteilt und dabei vor allem die besonders stark in Mitleidenschaft gezogene Kategorie der „Juden“ erwähnt, ist natürlich gerechtfertigt; bloß übersieht man bei einer Überbetonung dieser Einteilung leicht mal das Wesentliche an der Sache, und zwarnämlich:

Daß es sich um Menschen handelte, die durch Maßnahmen des Staatsapparates, nach von ihrem jeweiligen persönlichen Verhalten unabhängigen Kriterien entwürdigt, ins Abseits gedrängt, vernichtet wurden. Daß der Staatsapparat sich anmaßte, Menschen, zum Beispiel, aus bestehenden Arbeitszusammenhängen herauszureißen, um sie in jenen „Arbeit macht frei“ – Stätten zusammenzupferchen, wo sie unter der Aufsicht analphabetischer Wärter auszuführen hatten, was man offiziell als „Arbeit“ definiert hatte.

Daß jener Staatsapparat sich anmaßte, rein bürokratisch zu verwalten, wer in seinem Herrschaftsbereich das Recht auf Leben hat und wer nicht, geht sogar für streng Staatsgläubige im Nachhinein etwas zu weit. Wohlgemerkt: im Nachhinein; in der Gegenwart würden – wie ich zu vermuten wage – nicht wenige, wenn sich um sie herum ein ähnliches System mit ähnlichem Recht auf Leben oder Tod bilden würde, sich willig einfügen; vor allem natürlich diejenigen, die per Definition zu den Privilegierten gehören. Und ich wage zu behaupten: hätten die Nazis nicht versucht, durch militärische Maßnahmen die Welt zu erobern und hätten sie von einer systematischen physischen Vernichtung der als „Untermenschen“ klassierten abgesehen – so hätte man ihnen all die übrigen Verbrechen inzwischen längst verziehen, hätte det alles vielleicht von vornherein gar nicht als Verbrechen betrachtet, sondern – günstigstenfalls – als leicht problematisch.

Was nun weltweit, vor allem in den sogenannten zivilisierten Ländern und besonders griffig in ebenjenem unglückseligen Deutschland in dieser Hinsicht an Entwicklungstendenzen zu beobachten ist, ist folgendes:

Anhand eines verbogenen Arbeitsbegriffs, aus dem die Staatsmacht sich das Recht ableitet, jede in Richtung Sichnützlichmachen gehende Bewegung der in ihrem Einflußbereich lebenden zu kontrollieren und, je nachdem, zu unterbinden; sich herausnimmt, anhand immer strenger werdender sich auf Kleinigkeiten erstreckender Kontrollen die Einzelnen wie verschreckte Hasen sich ducken zu lassen, ihnen jeden Mut zu nehmen, sich noch zu rühren – werden immer größere Kreise ins materielle Elend abgedrängt und langsam, aber sicher als „Untermenschen“ abgetan.

Siehe auch einen früheren Blogeintrag, darin dieses Thema anklingt.

Eben hier äußert sich die Substanz dieses Unrechtssystems und nicht in irgendwelchen biertrinkenden und randalierenden Neonazis. Die sind zwar lästig, aber im Vergleich zum „substantiellen“ Nazitum eher harmlos.

Was soll man sonst noch dazu sagen? Sehr vieles gäbe es noch zu sagen, von diesem skizzenhaften Ansatz aus weiter zu bedenken.

Doch lassen wir det besser. Wenn man nämlich die Sache von anderen Seiten her anschaut oder, besser noch, sie überhaupt nicht erst anzuschauen versucht, so kommt man nicht umhin zu sagen, daß das Leben doch sehr schön iss und lustig. Und das iss doch allemale die Hauptsache.

Nich?

***

Prost.

♦♦♦

Nachbemerkung

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

 

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Doppelnas

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Freitag, April 16, 2010

Aschewolke

Nur so ganz nebenbei bemerkt:

Das mit dieser den Flugverkehr lahmlegenden Aschewolke finde ich gut.

Die meisten Probleme, mit denen wir heutzutage konfrontiert werden, resultieren aus menschlicher Dummheit und Verdorbenheit.

Und da ziehen nun, wie eine siegreiche Flagge, unverdorbene Kräfte durch die Gegend und zeigen ganz unbekümmert: daß sie stärker sind.

Echt gut!

Prost.

Raymond

Sonntag, April 11, 2010

Katyn und Nationalitätsfrage

Nachfolgende Gesichtspunkte hatte ich zunächst in verstreuten Briefen formulieren wollen und nicht öffentlich. Gleich nach dem ersten Brief disponierte ich um: soll das lesen, wer will.

Kopier den Brief, mit ein paar unwesentlichen Ausmerzungen zu sehr ins Auge fallender stilistischer Schnitzer, einfach mal rein.

Also:

***

“Vielleicht wäre es angebrachter, jene nachträglich noch von einem Flugzeugabsturz gekrönte Katyn-Katastrophe allgemein als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu betrachten und die rein nationalen Gesichtspunkte in den Hintergrund treten zu lassen?

Ist es denn überhaupt rechtens, wenn Rußland die Schuld für Katyn auf sich nimmt? Federführend war doch die Sowjetunion? Wie verhält Rußland sich zur einstigen Sowjetunion? - Nun gut, die Entwicklung, die zur Entstehung der Sowjetunion führte, begann in Rußland; die Hauptstadt der Sowjetunion lag ebendort, und die Amtssprache war Russisch. Ansonsten war Rußland eine Sowjetrepublik unter anderen Sowjetrepubliken.

Weil man Rußland mit der Sowjetunion gleichsetzt, übersieht man auch leicht den durch das Sowjetregime durchgeführten Genozid an den Russen (für den Genozid an den Kosaken - eigentlich auch Russen - gab es sogar einen eigenen Ausdruck: расказачивание, ‘Entkosakisierung’; stammte, glaub ich, von Trozki).

Starker, eigentlich allmächtiger Mann in der Sowjetunion war damals bekanntlich Stalin, der eigentlich Dschugaschwili hieß und aus Georgien stammte (kenn hier in Tbilissi jemanden, von dem irgendwelche Vorfahren Anfang letzten Jahrhunderts mit jenem Dschugaschwili zusammen waren und der, als Familienreliquie, einen Revolver aufbewahrt, mit dem selbiger Dschugaschwili seinerzeit auf Bankraub - oder, vornehmer ausgedrückt: Expropriation - ging. Mit dem Ding kann man sogar noch schießen. Dies nur nebenbei)

Berija - der maßgeblich am Zustandekommen des Katyn-Massakers beteiligt war - war bekanntlich gleichfalls Georgier (in Zentralgeorgien schiebt man ihn weiter ab mit der Bemerkung: er war Megrele).

Anfang der neunziger Jahre lernte ich in Moskau den Enkel des Menschen kennen, der die Exekutionen in Katyn geleitet hat. Dessen Frau - die Großmutter meines Bekannten also - war selbst Polin; beide waren sie frühere Mitstreiter des - polnischstämmigen - Dsershinsky, der ja bekanntlich jene fatale Vernichtungsmaschinerie aufgebaut hat. Wie sie meinem Bekanntem - ihrem Enkel also - erzählten, wollten sie das eigentlich gar nicht machen; doch wenn sie sich geweigert hätten, den betreffenden Befehl auszuführen, so hätte sich jemand anderes gefunden, und der hätte sie dann gleich mit exekutiert.

(Ich war damals noch nicht ganz so fix und beweglich in geschichtlichen Dingen und hatte auch andere Sorgen; ging dem dann auch weiter nicht mehr nach, und jenen Bekannten verlor ich aus den Augen. Inzwischen bin in zwar fixer und beweglicher, sogar spielte ich kurz mit dem Gedanken, über noch vorhandene Kanäle mich um Wiederherstellung jenes Kontakts zu bemühen; doch hab ich heute schon wieder andere Probleme....)

Der langen Rede kurzer Sinn: es scheint mir also fragwürdig, diese Sache - gleich manchen anderen Sachen - vom eng nationalen Gesichtspunkt aus zu betrachten; am ehesten gerechtfertigt scheint mir, es allgemein als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu handhaben. “

***

So weit dieser Brief.

Als mehr am Rande mit obigem zusammenhängender Nachtrag noch: Wo Verbrechen unter nationalistischen Gesichtspunkten zustandekommen, muß bei der Beurteilung natürlich auch der nationale Gesichtspunkt berücksichtigt werden (wobei nicht zu vergessen ist, daß eine Regierung oder eine nationalistische Organisation nicht automatisch die Sichtweise restlos aller Vertreter der betreffenden Nation vertritt). Und wenn, zum Beispiel, ein Staatsoberhaupt einen nationalistischen Massenmörder nachträglich zum Nationalhelden ernennt (wie geschehen in der Ukraine mit Stepan Bandera), so ist es Sache derjenigen, die damit nichts zu tun haben wollen, sich öffentlich davon zu distanzieren (wie glücklicherweise gleichfalls geschehen).

Angemerkt sei noch, daß meiner Beobachtung nach engstirnige fanatische Nationalisten in der Regel wenig bis keine Ahnung haben von dem, was an Entwicklungsfähigem in der angeblich von ihnen vertretenen Nation veranlagt ist. Dieses Entwicklungsfähige kann sich, wie mir scheint, nur in freiem, lockerem Miteinander mit anderen Nationen entfalten und wird durch Nationalismus eher erstickt. Auch dies gilt es bei der Beurteilung von Verbrechen „auf nationaler Grundlage“ zu berücksichtigen: daß nämlich Nationalisten auch die in gewisser Hinsicht eher „rechtmäßigen“ Vertreter der betreffenden Nation unterdrücken.

Letzteres nur nebenbei, da, eben, meinem Verständnis nach in Bezug auf Verursacher und Ausführende des Katyn-Massakers höchstens ganz am Rande nationale Gesichtspunkte eine Rolle spielen.

Raymond

♦♦♦

Nachbemerkung

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

 

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Doppelnas

Dienstag, März 30, 2010

Was einen zum Auswandern treiben kann

2009_12_22

Selbst chronischer Auswanderer (mit Vorliebe für russischsprachige Länder) schaute ich mir die Auswanderungsratschläge auf der Netzpräsenz einer mir interessant scheinenden Lebensberaterin an. Was mir zum Anstoß gereichte, gewisse – wie auch hier – meist übersehene Komponenten der zum Auswandern drängenden Motive und Triebfedern mal näher unter die Lupe zu nehmen.

Nämlich scheint mir, daß besonders in Europa die Gründe für Auswanderung mitunter nicht nur in der immer prekärer werdenden wirtschaftlichen Situation und in möglicherweise aufziehenden Gefahren für Leib und Leben liegen, sondern vielmehr noch in der allen übrigen Katastrophen zugrundeliegenden „kulturellen“ Situation.

Das Verhängnis der Europäer und vor allem der deutschsprachigen Europäer sehe ich darin, daß sie oft nicht in der Lage sind, lebendige Denkansätze, Erlebnisansätze lebendig weiterzuentwickeln und sofort alles in Traditionen, Dogmen, Programmen erstarren lassen (wobei in der europäischen Geistesgeschichte durchaus entwicklungsfähiges Leben veranlagt wäre). Ansätze zu eigenen Fragen, zu eigenem lebendigem Streben verschwinden unter einem Wust aus Abgestorbenem; und entsprechend nimmt man auch das innere Leben oder die Keime inneren Lebens seiner Mitmenschen nicht mehr wahr. Die Gesellschaft atomisiert so zu einem Sammelsurium in sich abgeschlossener, weder sich selbst noch ihrer Umgebung rechtes Interesse, geschweige denn Verständnis abgewinnender Einzelner. – Das heutige soziale, wirtschaftliche Geschehen ist so kompliziert, daß es zu seinem Funktionieren auf bewußte, lebendige Menschen angewiesen wäre. Und die Wurzeln zu den sich abzeichnenden wirtschaftlichen und politischen Katastrophen sehe ich eben in der vonstattengegangenen kulturellen Katastrophe, das heißt im seelischen Absterben des Menschen.

Der Drang, diese einstmals kulturtragenden Gebiete zu verlassen, kann – neben der sich abzeichnenden materiellen Verelendung weiter Kreise und möglicherweise heranrückenden Gefahren für Leib und Leben – seine Wurzeln auch noch darin haben, daß für Menschen, die einen Rest an innerem Leben in sich bewahrt haben, der Aufenthalt in diesen abgestorbenen Wüsteneien mit geistig-seelischen Erstickungsanfällen verbunden ist. Und die Gefahren eines Aufenthalts in äußerlich unsicheren Gebieten – wenn man dabei die Gelegenheit hat, unter Menschen zu leben, mit denen man sich verständigen kann – sind bei Neigung zu solchen Erstickungsanfällen unter Umständen leichter zu verkraften als das Vegetieren in den – noch – sicheren europäischen Gefilden.

Es grüßt aus Tbilissi
Raymond Zoller

Doppelnas

Nachbemerkung

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Doppelnas

Freitag, März 26, 2010

Gedanken zu einer sinnvollen Verlagstätigkeit

    Strange things are happening

    Was heutzutage an Gedrucktem durch die Gegend schwirrt, ist für anspruchsvollere Gemüter nicht immer geeignet und wird nicht selten sogar als Zumutung empfunden. Kommentar eines Zeitgenossen zur deutschen Presse siehe etwa „Das ganz verdammte Mediending“; und was die Ernsthaftigkeit des etablierten deutschsprachigen Literaturbetriebs betrifft, so gab es zum Beispiel – zumindest für den Verfasser vorliegender Zeilen – höchstlich interessante Einblicke anläßlich des Rummels um jenes Fräulein Hegemann.

    Das hat vermutlich teilweise mit einer mangelnden Vorbereitung der Verantwortlichen zu tun (die ja zum Großteil die jedes Gespür für sprachliche Echtheit und logische Stringenz unterwandernde Bildungsphilister-Ausbildung über sich ergehen ließen), teilweise auch mit ganz banalen Sachzwängen: In der periodisch erscheinenden Presse etwa hat man zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Text bereitzustellen; und da nimmt man, da einem nix anderes übrig bleibt, das, was da ist: Hauptsache, die Menge stimmt; auch wenn das, was da ist, nicht immer das ist, was gebraucht würde. Und die Schreiber – die zum Teil durch die gleiche unsinnige Ausbildung abgestumpft wurden – schreiben in der Regel nicht, weil sie sie von sich aus etwas bestimmtes zum Ausdruck bringen möchten, sondern weil sie, um leben zu können, zu einem bestimmten Termin eine bestimmte Menge Text zusammenschreiben müssen. Also schreiben sie zusammen: mit entsprechendem Resultat (und dieses Resultat ist, bei einem autoritätshörigen, auf die etablierte Presse ausgerichteten Publikum, mitunter gemeingefährlich).

    Dann gibt es noch das Internet. Im Internet findet man, ohne viel suchen zu müssen, mitunter gar noch schlimmeren Unsinn als in der Druckwelt; dafür hat man aber die Chance, mit etwas Glück und Ausdauer auch Lesbares zu finden. Denn im Internet gibt es fast alles.

    Das Internet hat bloß den Nachteil, daß man das alles ab Computerschirm lesen muß; und ab Computerschirm lesen ist mühsam; bei anspruchsvolleren Texten, wo man sich konzentrieren muß, verliert man da leicht mal den Faden.

    Also ausdrucken. Auch nicht ganz das Wahre. Aber besser als nix.

    Oder….

    Nachfolgende Gedanken stammen in ihrem Ansatz nicht von mir; ich entdeckte sie im Blog von Erika Reglin und entwickle sie nur ein Stückchen weiter.

    In meinem Blogeintrag „Gedanken zu Schreiben, Copyright, Texteklau und damit verbundenes“ spreche ich kurz die Folgen an, die aus der unreflektierten Kopplung von Arbeit und Einkommen für den kulturellen, publizistischen Bereich entstehen; und bedauerte bei der Gelegenheit, daß es nicht möglich ist, zu dieser Thematik mit den Verfechtern eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ ins Gespräch zu kommen. Die Betreiberin jenes Blogs ist nun genau in jenem Bereich angesiedelt. Sehr gut; vielleicht lassen sich diese Gedanken, als Vorbereitung zu äußeren Taten, weiterentwickeln.

    Stichwortartig der Weiterentwicklung bedürftige Bezugspunkte (ansatzweise wurde manches, wie ich weiß, bereits realisiert):

  • Die Mitglieder des Redaktionskollegiums einer solchen Zeitung, Zeitschrift oder eines Buchverlags (solche Redaktionen kann es natürlich beliebig viele geben) suchen das Netz ab nach geeigneten Beiträgen (dabei bilden sich für die einzelnen Redaktionen mit der Zeit ganz selbstverständlich „Reservoire“ von Stammautoren, auf die man sich konzentriert).

  • Das Copyright bleibt hiervon unberührt: Veröffentlichung nur mit Einwilligung des betreffenden Autoren. Höhe einer allfälligen Gewinnbeteiligung müßte – so überhaupt Gewinn anfällt – im Einzelnen abgeklärt werden.

  • Es gilt, nach Wegen zu suchen, die verhindern, daß der Autor unter dem Druck finanziellen Bedarfs schreibt (eben dieser Druck führt dazu, daß besonders „professionelle“ Autoren immer weniger professionell werden). Wie sich solches erreichen läßt ist eine andere – wie mir scheint: nicht unlösbare – Frage. Eben hier wäre es interessant, die Sache mit – nicht stur nach Verwirklichung irgendwelcher Programme strebenden, sondern gedanklich beweglichen – Vertretern der Richtung eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ durchzusprechen. Eine flächendeckende Realisierung dieses Gedankens scheint mir unwahrscheinlich (teilweise, eben, aufgrund leichtfertiger von „Brotschreibern“ verfaßter Berichterstattung zu diesem Thema in der etablierten Presse); aber vielleicht ließen sich bei entsprechender Beweglichkeit zumindest in kleinerem Rahmen Lösungsansätze schaffen (um Mißverständnisse im Keime zu ersticken: ich meine damit nicht so sehr mich selbst; ich selbst habe dank großzügiger Förderung ein bescheidenes „bedingungsloses Grundeinkommen“, das es mir erlaubt, in bescheidenem Rahmen tätig zu sein; es geht mir um Ansätze zu einer allgemeinen Lösung des Problems)

  • Man kann die Sache dann in die verschiedensten Richtungen hin weiterverfolgen. Zum Beispiel ließen sich Ausgaben denken, die sich auf Übersetzungen interessanter Texte aus anderen Sprachen spezialisieren; was, besonders bei Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen, noch den Vorteil hätte, daß sich selbige Ereignisse von den allerverschiedensten Seiten her betrachten lassen; Tatsachenentstellungen aus Leichtfertigkeit oder mit der Tendenz bewußter Irreführung blieben da mit der Zeit auf der Strecke. – Hier ließe sich, zum Beispiel, mit Sprachenschulen zusammenarbeiten, indem Studenten, die in ihrer Muttersprache genügend beweglich sind, übungshalber Texte aus Sprachen übersetzen, die sie studieren, und dabei ein größeres Publikum an den Resultaten ihrer Übungen teilhaben lassen.

  • Da es bei solchem Verfahren auf Dauer eher gelingen könnte, anspruchsvolle Texte zusammenzubekommen, die für längere Zeit aktuell bleiben, könnte man dann auch die sich auf das Wesentliche beschränkende periodische Presse in eine handlichere, sich der Buchform annähernde Erscheinung bringen (natürlich Sache der einzelnen Verlage)

  • Wie gesagt: Daß es hierzu bereits Ansätze gibt ist mir bekannt; es geht mir nur um den Versuch, aus diesen verstreuten Ansätzen eine prinzipielle Lösung, oder auch mehrere prinzipielle Lösungen herauszuentwickeln, die den Druckerschwärzemorast in eine fruchtbare Landschaft verwandeln könnten.

    ♦♦♦

    Ausdrücklich möchte ich noch betonen, daß ich diese Denkansätze nicht als „Alternative“ zum etablierten Publikationsbetrieb betrachte. An eine „Alternative“ zu etwas Bestehendem kann ich nur denken, wenn ich dieses Bestehende ernst nehme; und mit Ernstnehmen habe ich in vorliegendem Fall etwas Mühe. Ganz einfach geht es mir darum: wie man Wege schlagen kann zu einem sinnvollen, qualitätsvollen Publizieren.

Eben

Raymond

Doppelnas

Diesen Beitrag findet man auch in einer Textzusammenstellung aus dem näheren und ferneren Umfeld des Themenkreises "Bedingungsloses Grundeinkommen" (http://dl.dropbox.com/u/54042052/BGE.pdf)

.Doppelnas

Sonntag, März 21, 2010

Sturer Schematismus als Verhinderer neuer Gedanken

DE_E_Welterretterstumpfsinn

(müßte eigentlich heißen „von Gedanken“, da, streng genommen, Gedanken, wo sie wirklich Gedanken sind, immer „neu“ sind und man in unseren denkfaulen Zeiten unter „neuen Gedanken“ in der Regel neue Dogmen versteht; doch lassen wir det mal, mit vorliegender Anmerkung versehen, so stehen.)

Die Zeiten, da man nach Amerika auswandern konnte und die Chance hatte, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen, sind längst vorbei.

Wer heute in Europa einmal Tellerwäscher war oder gar Sozialhilfeempfänger, der ist in diesen Zeiten des alles zuzementierenden Schematismus für sein Lebtag gezeichnet und hat es schwer, seiner Umgebung klarzumachen, daß er außer Teller waschen oder Sozialhilfe empfangen auch noch anderes kann oder könnte, wenn man ihn ließe.

Den sturen Schematismus haben wir Europäer praktisch mit der Muttermilch eingesogen; durch entsprechende Erziehung und Ausbildung (eigentlich eher Dressur, bei der einem genau vorgegeben wurde, wie man in bestimmten Situationen zu handeln und zu „denken“ hat) wurde er gefestigt und zementiert; und nun haben wir den Salat.

Gegen sturen Schematismus sind ausdrücklich auch nicht diejenigen gefeit, die im Rahmen aller möglichen Programme dem Fortschritt Bahn brechen, menschenwürdige soziale Strukturen schaffen, den Schematismus besiegen, das Denken befreien wollen, und was es sonst noch alles gibt. Und auch der Verfasser vorliegender Zeilen, der es schon seit Jahren vorzieht, sich von der europäischen Heimat des sturen Schematismus in sicherer Entfernung zu halten, kommt nicht umhin, in strenger Selbstkontrolle Ansätze zu selbigem immer wieder in sich aufzuspüren und unschädlich zu machen.

Zu behaupten wage ich, daß es sogar weniger der sture Schematismus bei den Gegnern vordergründig menschenfreundlicher Programme ist, der die Sache schwierig macht, sondern viel mehr noch dessen unhinterfragte Überreste bei deren Befürwortern und Aktivisten. Dies gilt, wie ich aus Erfahrung weiß, für viele weitreichende Bestrebungen, die eben aus dem Grunde zur Unfruchtbarkeit verdammt sind, weil deren Vertreter es unterlassen, auch ihre eigene - oft hinter wohlklingenden Theorien und Programmen versteckte und ungestört sich austobende – Gesinnung unter die Lupe zu nehmen.

Eine gewisse schematismusfreie Beweglichkeit kann man noch in manchen Ländern der ehemaligen Sowjetunion finden. - Im Westen hört man immer wieder die Behauptung, diese Länder müßten noch sehr viel vom Westen lernen. Nun ist in diesen Ländern, was die Makrostrukturen betrifft, sehr vieles schief gelaufen (übrigens nicht ohne die Hilfe aus dem Westen importierten Unsinns; und selbst der Kommunismus war ja im Grunde ein Westimport); ansonsten bin ich der Ansicht: daß der Westen, wenn er nicht erstarren und auseinanderkrachen will, sehr viel bei der Bevölkerung dieser Länder zu lernen hat; in erster Linie: Offenheit und geistige Beweglichkeit.

Eben dies hatte ich noch sagen wollen.

Prost

Raymond

Марсьёнок


Donnerstag, März 11, 2010

über seichten Unsinn

 
Marsian child with two marsian pets after excessive lightroom treatment

Nimmt man sich die Muße, in der russischen Boulevardpresse herumzulesen (Stichproben querfeldein etwa via „Fark“), so findet man dort ein Ausmaß an seichtem Unsinn, das es problemlos mit dem Ausmaß des nicht nur in der Boulevardpresse allgegenwärtigen deutschen seichten Unsinns aufnehmen kann.

Der Unterschied besteht nur darin, daß die Deutschen in tierischem Ernste an ihrer Seichtheit kleben bleiben, während die Russen det alles lockerer nehmen und nix dagegen haben, sich auch mal in tieferen Gewässern umzusehen.

Eben...

Kakerlake

Samstag, März 06, 2010

Leistung muß sich wieder lohnen

work-will-set-you-free

Aus deutschen Nachrichten erfuhr ich, daß da ein Kabarettist namens Lerchenberg bei einem Auftritt anläßlich einer vergnüglichen Veranstaltung den Rahmen des belanglosen Vergnüglichen sprengte und zur Sache kam; weswegen er in Zukunft bei selbigen vergnüglichen Veranstaltungen nicht mehr auftreten darf.

Einen gewissen Westerwelle hatte er dabei aufs Korn genommen mit dessen Äußerungen bezüglich sogenannten Hartz-IV-Empfängern, d.h. bezüglich einer in Deutschland ständig wachsenden Menschengruppe, die durch die Umstände zügig ins materielle Elend getrieben wird. Die Sichtweise jenes Herrn Westerwelle hatte er in verschiedenen Andeutungen mit der – natürlich längst überwundenen – Nazi-Ideologie in Verbindung gebracht. – Eben weil man fand, daß die Nazi-Ideologie doch längst überwunden ist, daß man sie folglich auch nirgendwo entdecken kann und daß das Inverbindungbringen heutiger hochgeehrter Politiker mit selbiger Ideologie eine Beleidigung ist – darf er bei ebenselbigen vergnüglichen Veranstaltungen nun nicht mehr auftreten.

♦♦♦

Mit der Nazi-Ideologie hat Lerchenberg natürlich Recht; nur Westerwelle tut er Unrecht.

Recht hat er insofern, als die Nazi-Ideologie tatsächlich nicht untergegangen ist und in verwandelter Gestalt ungestört und immer stärker ihr Unwesen treibt; und zwar nicht nur in Deutschland. Diese menschenverachtende Ideologie ist nämlich, wie mir scheint, nicht an Nationen gebunden; nur daß bei der deutschen Gründlichkeit – welchselbige Gründlichkeit genausogut sich in menschenfreundlicheren Richtungen austoben könnte – selbiger Geist oder Ungeist sich auf eine sehr spezifische, sehr gründliche Art zu verkörpern pflegt. Daß beim Umgang der Herrenmenschen mit den ins Elend getriebenen Hartz-IV-Untermenschen genau der gleiche Ungeist im Spiel ist, der sich, in griffigerer Gestalt im Hitlertum austobte (doch auch für die damaligen Zeitgenossen war er, der Ungeist, damals nicht griffig genug; griffig wurde das erst, als alles vorbei war) – daran kann bei näherem Hinsehen kein Zweifel bestehen.

Und Westerwelle tut er insofern Unrecht, als Westerwelle nur klar auf den Punkt bringt, was sowieso schon in fast aller Köpfen ist. Für sich genommen scheint er harmlos.

♦♦♦

Mit Arbeit und Leistung hat dieses hartz-IV-hafte ins Elend Abgedrängtwerden nichts zu tun.

Mir scheint, daß fast jeder mehr oder weniger normale Mensch, wenn er nicht in Resignation oder Zynismus getrieben wird, das ganz natürliche Bedürfnis entwickeln kann, sich durch irgendwelche Arbeit, irgendwelche Leistung in seine soziale Umgebung einzubringen. Doch eben dies wird, besonders in der sogenannten zivilisierten Welt, durch bürokratische Schikane zunehmend erschwert. Was immer sich an Leistung und Arbeit außerhalb der ausgelatschten Pfade bewegt, wird durch wirtschaftliche und bürokratische Zwänge weitmöglichst abgewürgt; und innerhalb der ausgelatschten Pfade breitet sich immer mehr das aus, was man „Arbeitslosigkeit“ nennt.

Der Einzelne, der von dieser Elendswelle erfaßt wird, hat da kaum noch eine Chance; ganz egal, wie begabt er ist und wie arbeitswillig, was für Ideen er hat, die er realisieren möchte, ganz egal, wie weit es ihm gelingt, trotz allem sich von Resignation und Zynismus freizuhalten: in der Regel ist er zum Darben und zur Untätigkeit verurteilt.

Wenn ein Weiterspinnen des Vergleichs mit jener „Arbeit macht frei“ – Stätte gestattet ist: die dorthin abgeschobenen waren ja in ihrer Mehrheit durchaus arbeitswillig und nicht unbegabt, teilweise sogar hochbegabt; die meisten hatte man aus konkreten Arbeitszusammenhängen herausgerissen, wo sie sich nützlich machten; Ärzte waren darunter, Universitätsdozenten; und nun mußten sie unter der Aufsicht analphabetischer Aufseher das ausführen, was man an jener Stätte als „Arbeit“ definiert hatte. – Bei den von Lerchenberg angesprochenen Heutigen ist es allerdings häufig so, daß sie nicht einmal dazu kamen, ihre Begabungen zu entdecken und zu entwickeln. Letzteres übrigens ein noch näherer Untersuchung würdiges eigenes Kapitel unserer zeitgenössischen Kulturgeschichte.

♦♦♦

Mir scheint, daß diese unerquickliche Entwicklung in der sogenannten zivilisierten Welt einem gewissen Höhepunkt zustrebt, wo das soziale Geschehen entweder in polizeistaatlichem Totalitarismus erstarrt oder sich in Chaos auflöst. Die Hinentwicklung auf diesen Höhepunkt bietet aber auch gewisse Chancen insofern, als zumindest diejenigen, die dabei ins soziale Untermenschentum hinweggespült werden, die Möglichkeit erhalten, aufzuwachen und sich von dem anerzogenen Idiotismus zumindest innerlich zu befreien.

Vielleicht ergeben sich dann aus den anlaufenden Erkenntnisprozesse sinnvolle Entwicklungen: so es nicht bereits zu spät ist.

♦♦♦

So isses.

Schimpanse

Nachbemerkung:

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe"" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

♦♦♦

Und auch in einer Textzusammenstellung aus dem näheren und ferneren Umfeld des Themenkreises "Bedingungsloses Grundeinkommen" (http://dl.dropbox.com/u/54042052/BGE.pdf  kann man diesen Beitrag finden.

 

Schimpanse

Mittwoch, März 03, 2010

Veröffentlichung und Gemeinschaftsbildung

DE_E_Schreiben_fuer_Seinesgleichen

♦♦♦

Die ganz natürliche Konsequenz unselbständigen Denkens ist Autoritätshörigkeit und Dogmatismus. Denn irgendwie muß man sich vom Zusammenhang der umgebenden Dinge ja ein Bild machen; und wenn das eigene Denken nicht stark genug ist oder wenn man seinen Möglichkeiten nicht traut, so muß man sich an das halten, was andere einem vorsagen. Mag dieses Bild auch bloß eine Fata Morgana sein – es vermittelt immerhin Sicherheit; und die Sicherheit des in seine Fata Morganas eingepanzerten Dogmatikers ist mitunter so beträchtlich, daß er jeden Denkenden damit plattwalzt und völlig verdattert hinter sich zurückläßt. Denn der Dogmatiker fühlt sich eingebettet in die machtvolle Gemeinschaft seiner Mitdogmatiker, während der Denkende mit seinem Denken ganz alleine ist.

Rein „Denkende“ gibt es sowieso kaum; wir leben alle in unseren Panzern aus Vorgedachtem; aber es gibt nun mal Menschen, die sich in diesen Panzern häuslich eingerichtet haben und gar nichts anderes mehr wollen, und nicht einmal ahnen, daß man noch etwas darüber hinaus wollen könnte; und es gibt solche, die daneben auch noch denken können und mitunter sogar klar unterscheiden, wo sie denken und wo sie nicht denken. Letztere wollen wir, der Einfachheit halber, abkürzend als „Denkende“ bezeichnen.

(Damit keine Mißverständnisse entstehen: dem Verfasser vorliegender Zeilen ist nicht unbekannt, daß man sich in Lautkombinationen wie „Denken“, „lebendiges Denken“, „seelische Beobachtung“ usw… genau gleich einlullen kann wie in andere Wörterlarven auch. Das ist nicht gemeint. Der Geist weht wo er will…)

Gemeinschaftsbildung aufgrund dogmatischer Vorgaben funktioniert sehr einfach und übersichtlich, und ihre Resultate sind äußerst stabil: wie ein unerschütterlicher Mechanismus aus unbiegsamen Metallteilen steht das vor den erbärmlichen zum Denken neigenden Einzelnen; und selbst wenn der Mechanismus nicht richtig funktionieren sollte, weil bei seiner Konstruktion irgendwas übersehen wurde, so spielt das weiter keine Rolle, da die ihn bildende Masse – auf die es letztendlich ankommt – das sowieso nicht merkt; für die Masse reicht es, daß sie Masse ist: „hart wie Kruppstahl“ sozusagen.

Gemeinschaftsbildung „aus dem Denken heraus“ funktioniert ganz anders, und ihre Funktionsweise ist bislang nur wenig bekannt (und das Wenige, was bislang erforscht wurde, wurde dann in der Folge so wüst zerredet, daß kein Schwein sich mehr zurechtfindet). Um den Unterschied zwischen Denken und Nichtdenken herauszuarbeiten müßte man sehr weit ausholen (wobei eine theoretische Bestimmung sowieso kaum möglich wäre; es könnte höchstens darum gehen, daß man versucht, den Einzelnen so weit zu sensibilisieren, daß er erst mal in den Facetten seiner eigenen Weltsicht auf den Unterschied aufmerksam wird; denn det iss schon eine sehr individuelle Angelegenheit, die sich nicht mit dem Hammer autoritativer Beweisführung bewerkstelligen läßt). Wer noch nicht ganz eingeschlafen ist dürfte den Unterschied zumindest ahnen.

Kommen wir nach diesem sehr langen Vorspann – aber kürzer ging es beim besten Willen nicht – zu unserem Thema: Veröffentlichung und Gemeinschaftsbildung. Gewissermaßen als Fortsetzung und eines der „Fazite“ meines letzten Blogeintrags.

In besagtem Eintrag findet man die Aussage:

Die Zielgruppe meiner Schreiberei beschränkt sich auf die Sphäre derjenigen, die etwas damit anfangen können; schriftstellerischen Ruhm im Sinne der heutigen Auffassung strebe ich nicht an, im Gegenteil würde ich ihn sogar als störend empfinden, da solcher Ruhm die Sphäre der ehrlich Interessierten aufsprengen würde in Richtung auf ein Publikum, das sich für nichts interessiert und nur mitreden möchte; wodurch alles verwässert würde.

Es geht hier ausdrücklich nicht um die Resultate meiner Schreiberei (die einen mögen sie, andere mögen sie nicht; doch das soll uns hier egal sein), sondern um die in diesen Zeilen umrissene Bewußtseinshaltung: Wer det so sieht – ob ich det bin oder jemand anders – der schreibt, was er schreiben möchte, veröffentlicht, was er veröffentlichen möchte; und als Leser hat er dabei nur diejenigen im Auge, die seinem Geschreibe, ganz egal aus welchen Gründen, ganz egal auf welcher Ebene ein ehrliches, elementares Interesse abgewinnen; während er oberflächliche, desinteressierte Leser eher als störend empfinden würde.

Auf solche Weise entstehen, auch wenn man sich gegenseitig nicht kennt, gewissermaßen geistig-seelische Gemeinschaften.

Im Prinzip war das von jeher die Haltung derjenigen Schreiber, denen es „ernst war, was zu sagen“; wegen des heutigen kulturellen Verfalls, wegen der Einmischung von Finanz und Politik in das Veröffentlichungsgeschehen und durch die dank dem Internet neuentstandenen Möglichkeiten bricht sich diese an sich normale Haltung bloß in metamorphierter Form ihre Bahn. Unter den spezifischen totalitären Bedingungen der inzwischen liquidierten Sowjetunion war das zum Beispiel das Samisdat; unter den sehr viel komplizierteren Bedingungen des Zusammenspiels relativer äußerer Freiheit und extremer innerer Unfreiheit – die Veröffentlichungen im Internet.

Nach den dogmatischen Vorgaben vor allem im deutschsprachigen Bereich darf man als richtigen, ernstzunehmenden Schriftsteller nur denjenigen bezeichnen, der Veröffentlichungen vorweisen kann in einem richtigen, offiziellen Verlag. Zeitgenossen, die auf autoritative Vorgaben angewiesen sind, wissen somit genau, woran sie sich zu halten haben. – Wenn man sich nun die Resultate dieses ernstzunehmenden Verlagslebens genauer anschaut, so hat man mitunter Schwierigkeiten, da irgendwas zu finden, mit dem man sich ehrlich verbinden könnte; und irgendwann hört man auf, diese Dinge überhaupt mitzuverfolgen. – Dies ist ja alles weiter nicht schlimm: Die dogmatisch orientierten haben ihre Spielwiese, wo sie „mitreden“ können, während die mehr an „Substanz“ orientierten Schreiber und Leser das Internet haben. Hier ist nun natürlich auch nicht alles Gold, was glänzt; ein wüstes Durcheinander ist das; aber immerhin: mit gezielter Suche und etwas Glück kann man auf „Substanz“ treffen. – Daß die an ihrem System festklebenden aktiven und passiven Akteure der Druckerschwärzewelt solchen außerhalb ihrer Konstrukte ablaufenden Veröffentlichungsbetrieb nicht anerkennen, ist nur konsequent, überhaupt nicht schlimm und hat im Gegenteil sogar gewisse positive Züge, da man so mehr unter sich bleibt, unbehelligt von bildungsphilisterhafter Literaturkritik und von Leuten, die bloß „mitreden“ wollen.

Lästig bei alledem ist bloß, daß manche Schreiber, die es vielleicht besser könnten, immer noch zu sehr nach diesem verhärteten künstlichen Konstrukt des offiziellen Kulturbetriebs schielen, an dem sie eigentlich gerne teilnehmen würden und nur nicht teilnehmen, weil man sie nicht läßt; und dadurch werden ihre Gedanken verwässert, ihre Entwicklung erschwert. Die Hauptgefahr liegt im unreflektierten persönlichen Ehrgeiz, der eine Affinität schafft zu diesen Morästen und selbige eben dadurch zu einer Gefahr werden läßt für die kulturelle Entwicklung; für sich genommen sind sie eher harmlos.

Wo der Ehrgeiz beiseitebleibt – egal, ob er sich im Schriftstellerseinwollen äußert oder im Mitredenwollen – wird nur geschrieben und gelesen, was man selbst als „Sache“ empfindet (müssen ja nicht alle das gleiche als „Sache“ empfinden) – und dadurch entstehen, aus einem gewissen gegenseitigen Verständnis heraus, sich überschneidende lockere oder stärkere „Gedankengemeinschaften“, „Erlebensgemeinsaften“.

Das ist nicht neu; im Grunde war das noch immer so.

Zum Beispiel: Der für mich wichtigste Autor unter den mehr oder weniger zeitgenössischen ist Solschenizyn. Zu den schon länger zurückliegenden Zeiten, als er als Politikum, als politische Sensation gehandhabt wurde und als alle über ihn redeten – verhielt ich mich ihm gegenüber mißtrauisch bis ablehnend (obwohl ich damals die Künstlichkeit des Kulturbetriebs noch nicht in dem Maße durchschaut hatte, wie das heute der Fall ist; und mir scheint, daß das damals auch noch nicht ganz so schlimm war). Aus verschiedenen Gründen ergab sich die Notwendigkeit, daß ich mich stärker in seine Sachen einlese; und da merkte ich: daß da Substanz ist, welche mit dem um seine Person veranstalteten Hokuspokus herzlichst wenig zu tun hat. Das Hokuspokus ebbte ab, die deutschen Übersetzungen seiner Werke wurden schließlich verramscht: er war aus der Mode gekommen. Und ich, der ich die in seinen Werken lebende Substanz entdeckt hatte, scherte mich nicht darum (auf die verramscht werdenden Übersetzungen war ich zum Glück nicht angewiesen). Auch in Rußland kam er, als man ihn ganz offen lesen durfte, in den neunziger Jahren aus der Mode; veröffentlicht wurde er, wenn überhaupt, in lächerlichen Winzig-Auflagen. Und wie er früher, zu Sowjetzeiten, auf das Samisdat auswich – so wich er nun auf das Internet aus. Die in Kleinstauflagen herausgegebenen zahllosen Bände des „Roten Rades“ hatte ich mir irgendwann verschaffen können; bei meinem Wanderleben blieben sie dann irgendwo zurück und waren, außer im Internet, nicht mehr aufzutreiben. Von dorten lud ich mir das alles herunter, druckte es aus; und diese ganzen Bände habe ich nun in Form von Aktenordnern (ich tat das nicht aus Sammelwut, sondern weil mich doch tatsächlich immer wieder das Bedürfnis befällt, darin zu lesen).

– Solschenizyn ist in vorliegendem Zusammenhang noch aus dem Grunde interessant, weil er das Vergnügen hatte, sich in verschiedenen Situationen mit jeweils spezifischen Mitteln behelfen zu müssen: In den durch Zensur gesteuerten sowjetischen Bedingungen durch Samisdat auf Papier; unter den durch diktatorische Modeströmungen, wirre Gleichgültigkeit, finanzielle Interessen usw…. gesteuerten späteren Bedingungen: durch Samisdat im Internet. – Wobei noch festzuhalten sei, daß Solschenizyn sich nie als „Dissidenten“ betrachtete und sich auch gegen solche Bezeichnung wehrte. Er sagte einfach, was er zu sagen hatte, brachte es unter der jeweils möglichen Form unter die Leute; und fertig. Wen es interessierte – der las es; wen es nicht interessierte – der ließ es sein.

Mögen denn alle det so tun.

Prost
Raymond

Doppelnas

p.s. Um den gedanklichen Faden richtig herauszuarbeiten, hätte ich viel ausführliche werden müssen. Für einen Blogeintrag wäre det dann aber, wie mir auffiel, viel zu lang worden. Drum: Lassen wir es denn mal so, wie es ist. So jemand Wert darauf legen sollte, kann ich es ausarbeiten.

nochmal:
Prost
Doppelnas

Nachbemerkung

Diesen Text findet man auch in einer Zusammenstellung, die den Titel trägt "Wegmarken auf dem Weg in die Katastrophe" und die man unter https://dl.dropboxusercontent.com/u/54042052/KL_Wegmarken.pdf anschauen und/oder herunterladen kann.

Aus dem Vorspann:

"Bewußt bin ich mir, daß zu dem Zeitpunkt, da ich diese Vorbemerkung in den Computer tippe (Ende April 2013), viele Zeitgenossen nicht recht verstehen werden, von welcher Katastrophe hier die Rede sein könnte.

Und im Herbst 2008, als die erste der hier veröffentlichten Notizen zustandekam, waren es zweifellos noch viel mehr.

Doch die Zeiten ändern sich; immer mehr von jenen, die von keiner herannahenden Katastrophe etwas merkten oder merken wollten, werden von deren sich ausweitenden und sich Platz bahnenden Fluten erfaßt oder direkt damit konfrontiert, oder entdecken aus sonstwelchen Gründen, daß irgendwas nicht stimmt."

Doppelnas